Gemälde: William Blake, Elohim erschafft Adam
Bild: William Blake, Elohim erschafft Adam

Was ist ein Gott

Einflüsse der Hierarchien im Leben und Wesen des Menschen (Teil 2)

zuerst erschienen beim Perseusverlag im März 2021 – Übersetzung von Thomas Meyer

Vorbemerkung

Die folgenden Ausführungen D.N. Dunlops stammen aus dem Jahre 1930. Sie wurden niemals veröffentlicht. Myles Dunlop, der Urenkel D.N. Dunlops, sandte sie uns vor einiger Zeit zu. Es handelt sich vermutlich um einen von Dunlop gehaltenen Vortrag. Die Nachschrift, deren handschriftliche Kopie uns vorliegt, wurde von Dorothy Osmond (1889–1978) angefertigt. Wir bringen in dieser Ausgabe den zweiten Teil dieses wichtigen Vortrags. Thomas Meyer

Was meinen die meisten Menschen, wenn sie von «Gott» reden? Um was für ein Wesen handelt es sich, wenn sie von «Gott» reden? Es ist ihr eigener Engel – nichts Anderes. Sie ahnen dumpf, dass ein Schutzengel sie im Leben behü-tet, und sie schauen zu diesem Wesen auf und nennen es «Gott». Der Menschen Vorstellung von Gott ist ihre Vorstellung ihres eigenen Engels – so beschränkt sind ihre Interessen durch ihren Egoismus, und diese beschränkten Interessen ma-chen sich überall im öffentlichen Leben deutlich bemerkbar. Nur sehr, sehr wenig Interesse zeigt sich am Schicksal der Menschheit als Ganzer. Es bewegt die Menschen nicht, wenn ihnen zum Beispiel gesagt wird, dass auf den großen Europäischen Krieg, welcher mit stählernen Waffen ausgekämpft wurde, ein viel heftigerer spiritueller Krieg folgen wird. Denn was für den Osten Wirklichkeit ist, das nennt der Westen Maya oder Ideologie; und was der Westen Wirklichkeit nennt, das ist für den Osten Maya. Wir stehen an der Schwelle eines spirituellen Krieges, doch so ernst und bedrohlich diese Lage auch ist – die Menschheit nimmt sie mit Gleichgültigkeit hin; sie macht keinen tiefen Eindruck auf die Seele. Die schwerwiegendsten ungeheuerlichsten Ereignisse lassen die Seele ungerührt – oder sind höchstens für ein paar Tage ein Sensationsobjekt. Dies rührt von der Tatsache her, dass der Egoismus stärker und stärker geworden ist und die Interessen der Menschen beschränkt hat. Demokratische Parlamente kommen zusammen, aber sie werden nicht durch Betrachtungen bewegt, die dem Schicksal der Menschheit als Ganzer gelten; sie werden von egoistischen Impulsen bewegt; die Menschen schließen sich aus äußeren Interessensähnlichkeiten zusammen, die sich oftmals aus ihren Berufen ergeben. Und wenn die Gruppen groß genug sind, dann werden Mehrheiten gebildet. Parlamente werden vom Egoismus beherrscht, der durch eine so und so große Zahl von Personen multipliziert wird. Was notwendig ist, das ist, dass die Seele über egoistische Interessen hinauskommt und sich zu Interessen erhebt, welche das Schicksal der Menschheit auf der ganzen Erde betreffen. Und dann wird es möglich sein, die Region der Erzengel zu erreichen.

Nur wenn der Mensch anfängt, sich für das Schicksal und die Bestimmung der ganzen Menschheit zu interessieren, kann er sich über seinen Engel hinaus zum Erzengel erheben.

Lassen Sie uns nun einen anderen Aspekt unserer modernen Zeit betrachten: Es ist keineswegs unbedeutend, dass in den heutigen Weltangelegenheiten führende Persönlichkeiten zumeist in Internatsschulen und Universitäten und Institutionen erzogen wurden, die in Wirklichkeit auf griechischer und römischer Kultur beruhen und nicht auf den Erfordernissen unserer Zeit. Falls die Griechen und Römer so verfahren wären wie wir, dann hätten sie ihre Erziehungsmethoden auf die der ägyptischen Kultur gebaut. Aber genau das taten sie nicht. Sie bauten ihre Erziehung auf die Erfordernisse ihresZeitalters, während wir die Jungen nach den Methoden eines vergangenen Zeitalters bilden – eines Zeitalters, das sich überlebt hat. Und das hat eine viel größere Wirkung, als meistens realisiert wird. Wenn es realisiert worden wäre, dann hätte die Frauenbewegung einen ganz anderen Akzent bekommen. Frauen hätten realisiert, dass der Intellekt der Männer infolge von deren antiquierter Erziehung verhärtet wurde, und sie hätten gesagt: «Wir schätzen uns glücklich, nicht in Internatsschulen geschickt worden zu sein, und so werden wir der Welt zeigen, was für die Not unserer Zeit durch jene Geister geleistet werden kann, die nicht durch eine aus alter Zeit stammende Erziehung verhärtet wurden.» Diese Saite wurde in der Frauenbewegung niemals angeschlagen. Die herrschende Haltung war vielmehr diese: «Die Männer haben eine griechisch-römische Erziehung erhalten. Wir Frauen bestehen darauf, auch eine zu bekommen!»

Die Elemente der griechisch-römischen Methoden sind allgegenwärtig – das Bewusstsein unserer führenden Männer und die Zeitungen sind voll von ihnen. Selbst wenn wir in unserer eigenen Sprache schreiben, so schreiben wir im griechisch-römischen Stil. Und nehmen Sie nur unsere Auffassung von Gleichheit, von Menschenrechten. In dieser Hinsicht leben wir ganz und gar in der römischen Welt. Unsere Vorstellung von Gerechtigkeit ist die römische Vorstellung, aus einer Zeit, die antiquiert ist und von einer neuen überlagert wurde. Nicht nur wirkt die Vergangenheit im hier angegebenen Sinn in unsere moderne Zivilisation hinein, sondern auch die Zukunft wirkt in ihr; und es ist gut für uns, dass dies der Fall ist. Die Zukunft lebt in den Menschen, wenn auch unbewusst, als eine Art Rebell gegen die Elemente der griechisch-römischen Kultur, an denen wir so fest hängen – zu unserem eigenen Schaden. Wenn wir erkennen, dass die Zukunft in uns lebt, dann vermögen wir uns über die Sphäre der Erzengel in die Sphäre der Archai zu erheben. Das heißt, gemäß unserer Auffassung vom Göttlichen: Wir erheben uns von der Vorstellung Gottes als unserem eigenen Engel, über die Vorstellung von Gott als einem Erzengel, zur göttlichen Hierarchie der Archai. Es ist von allergrößter Bedeutung, dass jene, die sich zu Lehrern der Jungen ausbilden lassen, den Egoismus erkennen und verstehen, wie der Mensch nach einem Gott strebt, der nur sein Engel-Wesen ist. Sie sollten wissen, dass nur jene, die bereit sind, ganz egoistische Interessen aufzugeben, das Göttliche im Reiche der Erzengel-Wesen finden können, welche, vom Egoismus unbegrenzt, die Schicksale der Völker bestimmen, die auf der Erde im Raume nebeneinander leben. Und vor allen Din-gen sollten die Lehrer erkennen, dass die Vergangenheit in unserer modernen Kultur in Form der griechischen Bildung und der römischen Rechtsauffassung nachwirkt, dass aber auch die Zukunft in uns hereindrängt, als ein Rebell gegen diese Elemente aus der Vergangenheit. Dies zu wissen heißt, einen Gott zu verehren, der höher ist als ein Erzengel – ein Gott, welcher der Geist eines Zeitalters ist – einer der Archai. Unsere Erziehungsmethoden sollten nicht auf einer vergangenen Kultur beruhen, sondern auf dem Wesen und den Bedürfnissen der Gegenwart. Und die brennende Forderung der Gegenwart ist, dass die Menschen das Interesse der Hierarchien beibehalten können. An der Entfaltung und Entwicklung der physischen Organisation des Menschen sind sie nicht mehr interessiert. Denn ihre Arbeit an diesem Teil seines Wesen ist an ein Ende gekommen.

Aber sie sind interessiert und werden interessiert sein an der Entwicklung seines Seelen- und Geisteswesens, an seinen Errungenschaften auf dem Gebiet geistiger Aktivität. Um den konkreten Sinn zu erfassen, mit dem die Wesen der höheren Hierarchien mit dem Leben des Menschen verwoben sind, lenkt Dr. Steiner unsere Aufmerksamkeit zunächst auf die Sinnes-Eindrücke, die wir von der Außenwelt empfangen. Während des Lebens strömen Sinnes-Eindrücke auf uns ein. Im Allgemeinen glauben wir, dass diese Eindrücke nur Teil der Gegenstände und Wesen seien, die wir sehen. Ein Gegenstand ist farbig; von einem anderen kommt Ton und macht einen Eindruck auf den entsprechenden Sinn. Doch was ist diese Welt der Sinnes-Eindrücke in Wirklichkeit? Der Physiker sagt, hinter allen Sinnes-Eindrücken sei eine Welt von Atomen, aber das ist reine Phantasie. Dahinter ist eine geistige Welt, auch wenn sie dem gewöhnlichen Bewusstsein des Menschen nicht sichtbar wird.

Im Gewebe der Sinnes-Eindrücke leben die Geister der Form. Alles, was wir im Raum wahrnehmen, hat eine bestimmte Form. Auch die farbigen Oberflächen sind Teil ihrer Form. In allem, was wir im Raum durch unsere Sinne wahrnehmen, leben die Geister der Form – jene Wesen, welche im Alten Testament Elohim genannt werden. Die Welt, die uns durch die Sinne erscheint, wird zu Recht eine Welt der Phänomene genannt, denn zunächst sehen wir nichts als Phänomene, die äußeren Erscheinungen der Dinge – Maya, wie der Mensch des Ostens sagt. Doch wenn unser gewöhnliches Bewusstsein ein imaginatives wird, so verwandelt sich die ganze Sinneswelt in eine Welt fließender Bilder. Verwoben mit dieser Welt fließender Bilder ist die Welt der Engel.

Wenn sich unser Bewusstsein zur Stufe der Inspiration erhebt, dann verwandelt sich diese Welt von Bildern in die Welt der Inspiration, verwoben mit dem Leben der Erzengel. In der Intuition treten wir in die Welt der Archai ein und wissen, dass hinter dieser Welt das Reich der Elohim liegt, der Geister der Form. Wenn wir durch die Sinne in die Welt blicken, dann schauen wir in Wirklichkeit in die Welt der Elohim. Doch statt nach außen, gleichsam durch die Sinneswelt in die Welt der Geister der Form zu gehen, können wir auch die umgekehrte Richtung einschlagen, nämlich in unser inneres Wesen, doch in jene Region desselben, welche intim mit der Außenwelt verbunden ist und sie in einer solchen Weise spiegeln kann, dass wir sie in unserem Gedächtnis tragen können. Mit anderen Worten, wir können von der Welt der Sinne nach innen gehen, in unsere Welt der Gedanken. Im gewöhnlichen Bewusstsein betrachten wir unsere Gedanken nie als Wirklichkeiten. Dennoch ist dies der Fall; gerade so wie die Geister der Form als Wirklichkeiten in der Welt der Sinne leben, so leben höhere Wesen in unserer Gedankenwelt. Geistige Wesen leben und weben und wirken in uns, während wir denken. Während des Denkens spielt sich ein Prozess in uns ab, der folgendermaßen beschrieben werden könnte:

Nehmen wir an, in einem Glas Wasser wird Salz aufgelöst. Es wird vollständig aufgelöst, und das Glas ist ganz durchsichtig. Kühlen wir aber das Glas ab, dann kristallisiert sich das Salz im Wasser heraus. Ein ähnlicher Prozess der Verdichtung spielt sich in uns ab, wenn wir denken. Es ist ein mineralisierender Prozess, und in diesen Prozess sind die Archai verwoben. In unserem Gedankenleben sind die Archai genauso anwesend, wie es die Geister der Form in unseren Sinnes-Wahrnehmungen sind.

Wenn wir nun die Außenwelt vermittels unseres gewöhnlichen Bewusstseins studieren, so finden wir die sogenannten Natur-Gesetze, welche Abstraktionen sind. Auf der Stufe der imaginativen Erkenntnis haben wir, anstelle der Naturgesetze, die wir in verschiedenen abstrakten Formeln zum Ausdruck bringen – Bilder. Diese Bilder sind nicht dieselben, die wir bereits erwähnt haben. Es sind Bilder, die sich gleichsam aus der Welt der Elohim in den Sinnes-Eindrücken verdichten. Und in diesen kristallisierenden Bildern wirken die Archai. So können wir die Archai sowohl in der Außenwelt der Sinnes-Eindrücke finden als auch in der Innenwelt der Gedanken.

Denken wir nun an eine der Formen, durch welche der Mensch sein Wesen zum Ausdruck bringt. Gedanken leben wirklich in unserem inneren Wesen, auch wenn wir durch sie mit der Außenwelt in Beziehung treten und die Geheimnisse dieser Außenwelt uns kraft unseres Denkens enthüllt werden. Aber der Gedanke bringt sich in der Außenwelt durch die Sprache zum Ausdruck. Die Gedankenwelt des Menschen fließt in seine Sprache. Das Element des Willens fließt auch in die Gedanken, doch dessen sind wir uns nicht sehr bewusst. Aber ganz offensichtlich tritt der Wille in unsere Sprache ein. Aber von dem, was in der Sprache wirklich lebt – davon haben wir im gewöhnlichen Bewusstsein nur eine sehr geringe Erkenntnis. Die Laute, die in der Sprache benützt werden – die eigentlichen Laute als solche – werden einfach als so und so viele Zeichen betrachtet. Der moderne Mensch erkennt nicht, dass es so etwas gibt wie das innere Leben der Laute, die wir beim Sprechen benützen.

Jeder Laut hat in Wirklichkeit ein eigenes Lebens-Element. Der Sprache wohnt eine eigene geistige Realität inne – ein eigener Genius. So wie die Archai in der Welt der Gedanken leben, so leben die Erzengel im Element der Sprache. Sie leben im Sprach-Genius und aus diesem Grunde sind sie auch die Geister der Nationen – die Volksgeister. Der Mensch ist weit mehr, als er sich dies klarmacht, das Ergebnis der Kräfte, die der Sprache innewohnen. Gedanken können in verschiedenen Völkern dieselben sein, aber ihre Sprache differenziert sie, obwohl sie ein Element ist, das vielen Menschen, dank der Tatsache, dass sie zu dieser oder jener Nation oder Rasse gehören, gemeinsam ist.*

Die Beziehung des Menschen zum Erzengel durch die Sprache ist nicht so individuell wie seine Beziehung zum Reich der Engel, denn jeder Mensch hat seinen besonderen eigenen Engel, der ihn vom einen Erdenleben in das nächste führt. In einem Zürcher Vortrag vom Januar 1924, der leider nicht mitgeschrieben wurde**, sagte Rudolf Steiner, dass ein Okkultist, wenn er mit jemand spricht, der ihn um Hilfe bittet, ein gewöhnliches Gespräch führt, das aber eigentlich ein Gespräch mit dem Engel des be-treffenden Menschen sei. Der Okkultist hört auf das, was der Engel des Menschen zu sagen hat, der vor ihm steht. Die Beziehung des Engels zum Menschen kommt in vielen Weisen zum Ausdruck. Ein Mensch kann sich selbst aufgeben und sich bis zu einem solchen Grade seinem inneren Leben in ihm überlassen, dass ihn sein inneres Leben wirklich fortträgt und über ihn selbst hinausführt. Dann tritt er in die Sphäre der objektiven Phantasie, und der Phantasie wohnt eben so viel kreative Kraft inne wie dem Sprechen, obwohl sie in einem individuelleren Sinne kreativ ist. In der Phantasie schlüpft der Engel eines Menschen in sein Leben hinein. Ein Dichter, der ein wahrer Künstler ist – und nicht in Zynismus oder Oberflächlichkeit verfallen ist – weiß, dass eine höhere Geistigkeit ihn durchfließt, während er seine Dichtungen schafft. Diese höhere Geistigkeit ist der Engel, der ihn von Leben zu Leben führt und als ein Schutzgeist über ihm wacht. Der Gedanke des Engels spielt bei aller wahren Phantasie eine Rolle. Bestimmte Äußerungen Goethes zeigen, dass er sich der Wirksamkeit einer höheren Geistigkeit im Reich wahrer Phantasie bewusst war.Es ist natürlich möglich, dass ein Mensch seinen Halt in dieser inneren Welt der Phantasie verliert, und dann wird sich ein luziferisches Element einschleichen.

Dennoch: ein Engel lebt in der Phantasie aller wahren Künstler. Geradeso, wie nun ein Mensch durch sein inneres Wesen über sich selbst hinaussteigt und von sich loskommt (wie er es tut, wenn er die Welt der Phantasie erreicht) – so tritt er gewissermaßen in der entgegengesetzten Richtung aus sich her-aus, wenn er in Schlaf fällt. Er betritt dann dieselbe Region, in welcher im Wachen die Phantasie verwurzelt ist, obwohl die Einflüsse, die auf ihn wirken, von viel unbewussterer Art sind und die Gestalt von Träumen annehmen.

Übersetzung aus dem Englischen: Thomas Meyer

* Die Sprachgeister erscheinen in der Tat auf dem Terrain der Erzengel, sind aber ihrer inneren Wesenheit nach zurückgebliebene Elohim. Siehe Rudolf Steiner am 10. Juni 1910 in Stockholm (GA 121).

** Vermutlich der Vortrag vom 29. Januar 1924.

Quellen: