löwenzahn
Quelle: pixabay

Mut – ganz praktisch betrachtet

Die Sicht eines Philosophen: Matthias Burchardt im Gespräch

Andrea Drescher, zuerst erschienen am 6.4.2021 bei Nachdenkseiten

Nicht erst seit, aber besonders in Zeiten von Corona ist es gar nicht so leicht, einer gängigen Meinung entgegenzutreten. Angefangen von heftigen Auseinandersetzungen und Trennungen innerhalb des Freundeskreises oder der Familie, über Ärger beim Einkaufen, Reputationsverlust bis hin zu Verlust von Arbeitsplatz, Bankkonten, Wohnung und auch Hausdurchsuchungen: Wer die „falsche“ Meinung hat, wer diese auch noch öffentlich und offensiv vertritt, riskiert auch den Besuch eines SEKs morgens um sechs Uhr. Da wirkt dann das Prinzip „Strafe einen, erziehe viele“ hervorragend, und es braucht gehörigen Mut, weiter der eigenen Überzeugung gemäß zu handeln. Trotzdem gibt es mutige Menschen, und es stellt sich die Frage: Was macht diese Menschen aus? Wie werden Menschen mutig, und: Kann man etwas tun, damit mehr und mehr Menschen mutig werden? Im Gespräch mit Matthias Burchardt ging Andrea Drescher für die NachDenkSeiten dieser Frage nach.

Was verstehen Sie unter Mut?

Mut ist für mich eine bestimmte Entschlossenheit und auch eine Bereitschaft, für Werte, Überzeugungen, für die Wahrheit, für die Menschenliebe Risiken in Kauf zu nehmen. Dadurch setzt man sich selbst aufs Spiel, verteidigt aber auch sich selbst und hat die Chance, eine bessere Welt zu gewinnen.

Ich würde das gerne ein bisschen erläutern: Der Beweis des Mutes geschieht nicht erst in der direkten Aktion, in einer Äußerung oder Tat. Mut ist viel früher schon erforderlich. Kant hat mal in etwa formuliert, dass man Mut haben muss, sich ohne die Anleitung eines anderen seines eigenen Verstandes zu bedienen. Ich würde sogar noch weiter gehen: Schon beim Wahrnehmen der Wirklichkeit brauche ich den Mut, meinem eigenen Vermögen zu vertrauen, da ich immer das Risiko einer Täuschung oder eines Irrtums auf mich nehme. Ich muss deshalb hinreichendes Zutrauen in meine Urteilskraft und Denkfähigkeit gewonnen haben.

Das Risiko besteht also nicht erst, wenn ich in Konflikt mit anderen gerate, sondern beginnt schon bei der Ausbildung einer Haltung, einer eigenen Meinung, einer Überzeugung. Habe ich dann dieses Zutrauen aufgebaut, komme ich in einen zweiten Konflikt, denn dann gilt es, das, wovon ich überzeugt bin, vor anderen auch zur Geltung zu bringen. Das betrifft Sachfragen ebenso wie Wertfragen. Bei Sachfragen geht es um Themen wie zum Beispiel, ob die Erde eine Kugel ist. Bei Wertfragen, wo es um Gut und Böse geht, mündet es irgendwann in dem alten Luther-Satz „hier stehe ich und kann nicht anders“. Sobald ich etwas inakzeptabel finde, muss ich dasjenige zur Geltung bringen, wovon ich aus guten Gründen überzeugt bin.

Das heißt, Mut besteht in der Aufgabe, Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten und die Integrität meiner Person zu gewinnen, und weiterhin in den sozialen Aspekten der Artikulation und Verteidigung dessen, was ich für wahr und gut halte, auch gegen Widerstände und unter Inkaufnahme von Nachteilen.

Mut ist anstrengend?

Kant sagte, dass Faulheit und Feigheit uns dazu bringen, uns gerne von anderen bevormunden zu lassen, und das sind genau die Aspekte, die Mut bedürfen. Es ist anstrengend, das Wahre zu suchen und für das Gute einzustehen, und es ist möglicherweise sozial gefährlich. Und natürlich kann ich dieser Anstrengung und Gefahr sehr gut entgehen, wenn ich betreutes Handeln und betreutes Denken an die Stelle meiner eigenen Überzeugung und meiner Verantwortung für das, was ich bin und was ich tue, setze.

Dabei hilft eine Unterscheidung aus der Antike, dass man Mut nicht mit Leichtsinn verwechseln darf. Mut ist eigentlich das richtige Wissen um die Gefahr. Wer die Gefahr überschätzt, ist feige, wer die Gefahr unterschätzt, ist leichtsinnig. Mut versucht die Mitte zwischen beidem zu suchen und bedarf einer gewissen Klugheit und Abwägung.

Sind Sie mutig?

Ich glaube, dass ich im Bereich Zutrauen in mein eigenes Wahrnehmen, Denken und Urteilen einige Schritte unternommen habe, mich von Bevormundungen freizumachen, und auch das Risiko des Irrtums und der sozialen Konfrontation nicht scheue.

Das sieht man ja an Ihren öffentlichen Auftritten.

Wenn ich dann manchmal höre, ich wäre aber mutig, dann beschämt mich das immer so ein wenig, weil ich letztendlich gar keine Angst empfinde, die ich überwunden hätte durch das, was ich tue. Gleichwohl versuche ich mir bei allem, was ich tue, über die möglichen Folgen Rechenschaft abzulegen. Sofern ich das kalkulieren kann, bin ich bereit, Konsequenzen in Kauf zu nehmen.

Welche Konsequenzen sind Sie bereit zu ertragen?

Angriffe gegen meine Person, persönliche Diffamierungen, Reputationsverlust. Damit kann ich umgehen.

Was macht Ihrer Meinung nach Menschen mutig?

Das sind verschiedene Aspekte. Menschen sind mutig, wenn sie sich einer Sache oder einem Wert verschrieben haben, wenn sie ein tiefes Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten haben und wenn sie wissen, dass es andere Menschen gibt, die sie stützen. Der Mut wächst mit der Gefahr.

Das wäre die Frau von Daniele Ganser, die ihn gestützt hat, und seine Überzeugungen, die ihn tragen?

Ja, genau. Das ist ein gutes Beispiel eines wirklich mutigen Wissenschaftlers. Viele erwecken ja nur den Eindruck, mutig zu sein.

Wie meinen Sie das?

Es gibt ja auch diesen peinlichen oder ideologisch missbrauchten Ausdruck der Zivilcourage, der ein „gutes Gewissen to go“ vermittelt. Wer sich in einem gentrifizierten Szeneviertel das Plakat „ich bin gegen Rassismus“ ans Fenster hängt oder in Deutschland gegen die Missachtung der Schwarzen in den USA auf die Straße geht, ist nicht mutig. Das ist bloß eine Attrappe von Zivilcourage. Solange ich mich im sicheren Gehege der gesellschaftlichen Anerkennung einer Position anschließe, riskiere ich weniger, als wenn ich, obwohl ich mit der AfD nichts anfangen kann – etwa im Sinne des höheren Gutes der Meinungsfreiheit – deren Recht auf Existenz und politische Partizipation verteidige.

Das ist der „Mut der Mitläufer“, nicht wahr?

Das ist ja kein echter Mut. Ein Mut, der aus einer medial geschürten Massenhysterie erwächst, ist durchaus problematisch und zu unterscheiden von dem, der aus der besonnenen Entschlossenheit herrührt. Wir sollten grundsätzlich allen Demagogen misstrauen, auch und gerade, wenn es um die gute Sache geht.

Was sehen Sie für Impulse, um in der jetzigen Situation Menschen zu erreichen, mutig zu sein? Wie kann man anderen helfen, mutiger zu werden?

Ich glaube, dass die Erfahrung, sich in einer heiklen Situation bewährt zu haben, sowohl für einen selbst als auch für die anderen als Rollenmodell, neue Kräfte freisetzt. Wir merken, dass eigentlich gar nicht viel passiert, wenn wir uns etwas Mutiges trauen, dass vielfach die Sanktionsangst größer ist als die tatsächliche Sanktionswirklichkeit. Vielleicht ist es auch ganz gut, den Blick des Anderen oder die äußeren Widerstände nicht immer schon vorweg zu nehmen und aus Angst vor Repression mit Selbstzensur oder Selbstverleugnung zu reagieren. Wenn man im Sprechen und Tun aufrichtig Zeugnis ablegt, gibt dies auch anderen Mut und Hoffnung.

Zum Beispiel auch mit meinem Mut-Buch, oder?

Genau. Es ist wichtig zu wissen „ich bin nicht allein“ – wenn man Beispiele findet, hilft das manch einem, ähnliche Schritte zu setzen. Hilfreich ist auch, Unterstützung durch die Gemeinschaft zuzusichern, unabhängig davon, was passiert: „Wir fangen dich auf, wenn du mutig warst und dadurch Nachteile erleiden musstest.“

Was sind Motive für Sie, mutig zu sein? Ich habe in einem Interview gehört, es ist der Gerechtigkeitssinn, der Sie treibt?

Ja, das stimmt. Nehmen wir die aktuelle Situation. Ich bin glücklicherweise noch ökonomisch gesichert, habe ein liebendes Umfeld und könnte mich jetzt hinsetzen und meinen Interessen nachgehen. Mich tangiert Corona fast gar nicht. Und zugleich wird etwas verletzt, was größer ist als meine eigenen Interessen, nämlich die Rahmenbedingungen für ein gedeihliches Gemeinwesen. Es werden Grundwerte verletzt, Menschenrechte, kulturelle Gepflogenheiten werden ausgesetzt, die Intelligenz der mündigen Bürger beleidigt. Das finde ich empörend, da sind wir dann bei Stéphane Hessel.

Sie meinen „Empört euch!“?

Genau.

Warum empören sich so wenige Menschen?

Faulheit, Feigheit und mangelndes Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten oder vielleicht auch ein unterentwickelter Gerechtigkeitssinn.

Mangelnde Werte?

Ja, das kann auch sein. Vielleicht auch fehlender Gemeinsinn.

Mangelnde Bildung?

Das könnte missverstanden werden. Leider sind gerade Akademiker mitunter ausgesprochen feige Menschen. Deshalb würde ich eher von mangelnder Charakterbildung reden. Die gute Tat wird nicht allein im Kopf geboren, sondern erwächst auch aus dem Mitgefühl der Menschen zueinander, wie vielleicht Rousseau sagen würde. Es gibt eine Form von charakterlicher Stärke, die nicht unbedingt korrespondiert mit dem Erwerb von Bildungszertifikaten.

Umgekehrt wird aber auch kein Schuh daraus?

Nein, es gibt bestimmt auch mutige Professoren an den Hochschulen, das ist keinesfalls ausgeschlossen. Aber man sieht sie kaum, sie kommen nicht aus der Deckung. Bei vielen waltet eine gewisse Herdenmentalität oder die Sorge, durch politisches Engagement in Verbindung mit der Demokratiebewegung gebracht zu werden, hinzu kommen sicher Abhängigkeiten. Ich kann es gut verstehen, wenn man sorgsam abwägt, was man bereit ist, auf’s Spiel zu setzen. Es geht ja auch nicht darum, mit guten Taten Amok zu laufen und gleich alles zu riskieren. Wir brauchen kein sinnloses Märtyrertum, wichtig ist es, ein Spektrum von Möglichkeiten auszuloten und dann dasjenige zu tun, was man verantworten kann, auch im Hinblick auf die eigenen Abhängigkeiten.

Schaffen es viele einfach nicht – angesichts der zunehmenden Sanktionen der Kritiker – über ihren Schatten zu springen?

Richtig ist: Ich kann gerade in unsicheren Zeiten nicht kalkulieren, welche Risiken ich bereit bin in Kauf zu nehmen und welche nicht, wenn ich nicht vollständig übersehen kann, welche Folgen meine Handlungen nach sich ziehen werden. Aber unter diesen bedrohlichen Umständen ist doch Untätigkeit gerade nicht die Maxime der Stunde! Jetzt geht es doch genau darum, dass wir diese Gefährdungen von Demokratie, Kultur und Rechtstaatlichkeit überwinden. Konformität und Mitläufertum erwachsen letztlich ja aus der Identifikation mit dem Aggressor und man gibt von vornherein alles preis, wofür es sich zu kämpfen lohnen würde. Und letzten Endes werden die Konformisten auch nicht belohnt.

Weil viele sich nicht trauen, Risiken einzugehen, muss man gerade dann handeln?

Genau, aber jeder in seinem Rahmen, nach seinen Möglichkeiten und an seinem Ort, das ist vielleicht nochmal ein ganz wichtiger Punkt. Ich habe Kollegen, die ganz mutig in der Mainstreampresse schreiben und dort zumindest kleinere Durchstiche ermöglichen. Sie würden sich niemals trauen, im Corona-Ausschuss auszusagen, aber das, was sie an ihrer Stelle tun, ist hilfreich. Mut bedeutet nicht unbedingt, große Taten zu begehen, sondern auch die kleine Tat, ein Wort zum richtigen Zeitpunkt kann einen gewaltigen Unterschied ausmachen. Die übertrieben große heroische Geste ist manchmal eher Ausdruck von Narzissmus als von wirklichem Mut. So etwas kann für eine Bewegung sogar kontraproduktiv sein. Viele kleine Taten sind ebenso bedeutsam wie die weithin sichtbare Symbolgeste.

Muss man heute als Wissenschaftler besonders mutig sein, um frei zu denken und sprechen zu können?

Ja!

Hat sich das im letzten Jahr verändert oder war das schon immer so?

Nein, das hat sich verändert. Im akademischen Diskurs ist eine ziemlich starke Kontrolle und Steuerung von Meinungen zu beobachten. Das betrifft die Auswahl der Forschungsthemen ebenso wie die Wahl der Thematisierungshinsichten, also ob ich mich in einem eher ideologisch vorgeprägten Rahmen bewege, der die Perspektiven des »juste milieu«, der meinungskonformen scientific community abbildet oder ob ich mich an der Fachlichkeit unter Anspruch von Redlichkeit und Wahrhaftigkeit orientiere. Das betrifft bereits die Sprache, in der ich mich wissenschaftlich artikuliere.

Inwiefern ist die Sprache auch betroffen?

Es geht um Sprachkontrolle durch „Political Correctness“. Dadurch ist ein subtil repressives System entstanden, das die Wissenschaftsfreiheit systematisch untergräbt. Die Sanktionen bestehen nicht nur in sozialer, sondern auch materieller Exlusion. Etwa durch Entzug von Drittmitteln oder von Forschungsmitteln insgesamt. Marktdruck und Ideologisierung haben die Universität in ihren Freiheitsspielräumen beschnitten. Wissenschaftsfreiheit wird dadurch zu einer Frage des persönlichen Mutes.

Womit wir wieder am Anfang wären, denn Sie sind ja mutig. Darf man Sie einen Querdenker nennen?

Darf man gerne. Nehme ich die nackte Bedeutung des Wortes, kommt ja Anerkennung darin zum Ausdruck. Wenn ich den propagandistischen Diskurs berücksichtige, handelt es sich allerdings um einen systematisch aufbereiteten Diffamierungsbegriff. Das Interessante ist, dass und wie sich dieser Begriff geändert hat. Er war ja zunächst die Selbstbezeichnung einer Bewegung und wurde dann von den „Qualitätsmedien“ vereinnahmt und zum Stigmatisierungsbegriff umgedeutet. Daher schlage ich vor, einfach von den emanzipatorischen Bemühungen früherer Bewegungen lernen, z.B. als sich Menschen mit Behinderungen selbst als „Krüppelbewegung“ bezeichnet haben. So konnten diese einen Begriff durch Selbstanwendung entschärfen und damit ihre Gegner entwaffnen.

Als ich nach Österreich zog, habe ich immer gesagt: „Seid mir nicht böse, ich bin ein Piefke, ich sag‘s direkt.“ Da hatte ich die Lacher auf meiner Seite. Meinen Sie das in diesem Sinne?

Genau so war es gemeint. Aber noch lieber als »Querdenker« wäre mir »Denker«, weil wesentliches Denken eigentlich immer quer ist.

Zu einem Philosophen passt der Begriff Denker auf jeden Fall. Danke für das mutige Denken und das spannende Gespräch!



Interviews mit mutigen Menschen findet man im Buch „Menschen mit Mut“, das Ende Mai 2021 erscheinen wird und bereits heute unter menschen-mit-mut.eu vorbestellt werden kann. Der komplette Ertrag aus diesem Buch kommt der Friedensbrücke Kriegsopferhilfe e.V. fbko.org zugute.



Zur Person:

 Zur Person:

Dr. Matthias Burchardt, Jg. 1966, hat Germanistik, Philosophie, Pädagogik, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften studiert und mit dem Ersten Staatsexamen abgeschlossen. Promoviert hat er über die Anthropologie Eugen Finks, ist gegenwärtig Akademischer Rat und beschäftigt sich vornehmlich mit Bildungsphilosophie, Anthropologie und der Archäologie des Zeitgenössischen. Er ist Mitbegründer und Geschäftsführer der Gesellschaft für Bildung und Wissen, die in Österreich, Deutschland und der Schweiz kritisch Stellung zu bildungspolitischen Fragen bezieht. Als gefragter Referent und streitbarer Publizist vertritt er in Presse, Rundfunk und Fernsehen humorvoll und kontrovers Positionen zu PISA, Bologna und nicht zuletzt zum Digitalisierungshype. Über Jahre war er Radiophilosoph bei EINSLIVE, dem Jugendsender des Westdeutschen Rundfunks. Unter der Rubrik »Ja? Nein? Jein!« ging es dort um Gewissenskonflikte zwischen Tiefsinn und Alltagsfragen. Wenn ihm Beruf und Familie Zeit lassen, kümmert er sich um den Nachlass seines Onkels Erwin Hapke, der ihm ein geheimes Museum voller Papierkunst vererbt hat.


Zum Autor:

Andrea Drescher

Andrea Drescher Jahrgang 1961, lebt seit Jahren in Oberösterreich. Sie ist Unternehmensberaterin, Informatikerin, Selbstversorgerin, Friedensaktivistin, Schreiberling und Übersetzerin für alternative Medienprojekte sowie seit ihrer Jugend überzeugte Antifaschistin. Zuletzt erschien von ihr Zuletzt erschien von ihr „Wir sind Frieden" und "Selbstversorger-Tipps von Oma und CO"

Quelle: