Kernpunkte sozialer Erneuerung
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Kernpunkte sozialer Erneuerung

Stefan Böhme

Ausgabe 4-2018 Seite 7 und 10

Die Grundideen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit strahlen wie hell leuchtende Sterne der Menschheitsentwicklung voran. Bis zur Entdeckung der sozialen Dreigliederung aber konnten sie nicht ordnend auf die gesellschaftlichen Verhältnisse einwirken, denn unklar blieb, wie ihre teils gegeneinander wirkenden Kräfte im menschlichen Miteinander harmonisch zu realisieren sind. Aus diesem Unverständnis oder mangelnden Bewusstsein haben sich im Laufe der Geschichte unsachgemäße Verhältnisse entwickelt. So ist unser Wirtschaftsleben komplett einem egoistischem Freiheitsverständnis zum Opfer gefallen, was dazu bis heute dazu führte, dass zwei Handvoll Reicher die Hälfte des Weltvermögens besitzen. Das Rechtsleben wurde in soweit von wirtschaftlichen Interessen korrumpiert, dass immer weniger gleiches Recht für alle gilt, sondern von Korruption und Lobbyismus unterwandert wurde. Und in der Kultur und Bildung, dem Geistesleben, ist es heute für jeden ganz selbstverständlich, dass die Politik der Gesellschaft, vermeintlich gerecht, ein einheitliches Bildungsprogramm entmündigend vorsetzt.

In einer Welt, in der es nur Verschwörungstheorien gibt, aber angeblich keine Geheimdienstoperationen, ist es nicht nur sinnlos zu fragen, warum zum Beispiel die USA mehr Geld für ihre 17 Geheimdienste ausgeben, als Russland für sein gesamtes Militär. Es ist auch bei Strafe der öffentlichen Diskreditierung, Erniedrigung und Existenzvernichtung verboten, zu ermitteln und darüber nachzudenken, wem die Kette von Ereignissen vor allem nützt, die selbstverständlich allesamt keinerlei kausalen Bezug haben und an deren Ende plötzlich und unvorhersehbar eine riesige Explosion steht. Die Cui Bono Frage darf im Universum der westlichen Massenmedien nur gestellt werden, wenn Russland oder neuerdings China für Vorgänge verantwortlich gemacht werden soll.

Soziale Forderung

Gleichheit im Geistesleben

Recht auf gleiche Bildung für alle ist die immer und immer wieder formulierte Forderung wohlmeinender Zeitgenossen und vermeintlich politisch Progressiver. Als Träger und Garant dieser Art von Bildung werden allein staatliche Institutionen verstanden. Diese sollen inhaltlich durch Bildungsprogramme, in der Realisierung durch staatlich anerkannte, weisungsgebundene Lehrkräfte und materiell durch Steuergelder den Bestand der Bildungseinrichtungen garantieren. Der Gleichheitsgedanke ist so fest verwurzelt, dass viele sogar fordern in Deutschland ein bundesweit einheitliches Bildungssystem zu schaffen.

Brüderlichkeit im Rechtsleben

Das Recht nimmt einerseits immer mehr den Charakter einer belehrenden Instanz ein, die uns zu einer Zwangsgemeinschaft der „politisch Korrekten“ vereinen will. Gleichzeitig verlieren andererseits die Gesetze ihren allen gleichermaßen dienenden Charakter, wenn wirtschaftliche Interessen auf der Bildfläche erscheinen. Es entstehen Vorrechte elitärer Kreise mittels „brüderlicher“ Seilschaften.

Freiheit im Wirtschaftsleben

Als Ideal der Wirtschaft wird uns regelmäßig die sogenannte „freie Marktwirtschaft“ angepriesen. Unter Freiheit, so der erste Lehrsatz der Wirtschaftswissenschaften, wird hier der maximale Profit, also der maximale Egoismus als alleinige Triebfeder wirtschaflichen Handels verstanden.

Sicherlich ist so ein Schema stark vereinfachend. Das Leben, und gerade das des gesellschaftlichen, ist komplex. Vielleicht ist dennoch damit Zentrales und Grundlegendes ausgesagt.

Wie aber kann/soll man sich nun, im Gegensatz dazu, Verhältnisse vorstellen, die der menschlichen Entwicklung wahrhaft dienen? Welche Gesellschaftsform entspräche dem Stand der Bewusstseinsentwicklung des Menschen in der heutigen Zeit wirklich? Eines Bewusstseinszustandes, der nach einer über Jahrtausende gehenden Entwicklung die individuelle Freiheit als Kernbestand seines Selbstverständnisses entdeckt hat und verteidigt. Das ist vielleicht der Kernbestand dessen, was wir abendländische Kultur nennen, heute aber auch dessen gegenwärtige Krise. Denn wie stellt sich das zunehmend entkoppelte Individuum wieder gesund in die Weltverhältnisse? Wie versteht es sich wieder als Teil eines großen Ganzen? Kosmologisch, geschichtlich, gesellschaftlich. Wie können die genannten Grundideen des Menschen fruchtbar in Leben und Gesellschaft werden und ihre zerstörerische Deplazierung in ein sinnvolles Zusammenspiel verwandelt werden? Das ist die brennende soziale Frage unserer Tage.

Soziale Forderung

Freiheit im Geistesleben

Allem Fortschritt geht eine Bewusstseinsentwicklung voran. In spirituell tingierten Kreisen spricht man ja auch immer gerne von Bewusstseinserweiterung. Darum spielt die Frage, wie diese am besten gefördert werden kann, vor allen anderen gesellschaftlichen Aspekten, die zentrale Rolle.

Grundsätzlich muss doch festgestellt werden: Innovation geht nur von starken innovativen Denkern aus. Warum nennen wir eine Hochschule noch heute Humboldt Universität und viele Grundschulen nach dem Erzieher Pestalozzi? Ist denn jemals eine Schule nach einem Bildungsminister oder gar nach einem abstrakten Staatsprogramm benannt worden? Eigentlich erstaunlich, wenn man die durchaus guten Absichten, die hier vorliegen, sieht. Natürlich wird viel um Inhalte der (Volks)Bildung gestritten, aber viel zu wenig um die Methode. Wenn nur die richtigen Inhalte das Problem wären, müssten wir angesichts z.B. des Berliner Schulgesetzes schon in einer Hochkultur umfassend gebildeter Menschen leben:

"§1 Auftrag der Schule ist es, alle wertvollen Anlagen der Schülerinnen und Schüler zur vollen Entfaltung zu bringen und ihnen ein Höchstmaß an Urteilskraft, gründliches Wissen und Können zu vermitteln. Ziel muss die Heranbildung von Persönlichkeiten sein, welche fähig sind, der Ideologie des Nationalsozialismus und allen anderen zur Gewaltherrschaft strebenden politischen Lehren entschieden entgegenzutreten sowie das staatliche und gesellschaftliche Leben auf der Grundlage der Demokratie, des Friedens, der Freiheit, der Menschenwürde, der Gleichstellung der Geschlechter und im Einklang mit Natur und Umwelt zu gestalten. Diese Persönlichkeiten müssen sich der Verantwortung gegenüber der Allgemeinheit bewusst sein, und ihre Haltung muss bestimmt werden von der Anerkennung der Gleichberechtigung aller Menschen, von der Achtung vor jeder ehrlichen Überzeugung und von der Anerkennung der Notwendigkeit einer fortschrittlichen Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse sowie einer friedlichen Verständigung der Völker. Dabei sollen die Antike, das Christentum und die für die Entwicklung zum Humanismus, zur Freiheit und zur Demokratie wesentlichen gesellschaftlichen Bewegungen ihren Platz finden."

Dem ist nicht so. Warum? U.a. weil die Wirkung von Zwang weit überschätzt wird. Weil der Staat strukturell gar nicht die Instanz sein kann, die eine lebendige Kultur schafft. Der Staat kann nur Gesetze machen und angestellte Brotgelehrte autorisieren, die Bildungsprogramme „umsetzen“. Sicherlich werden den weisungsgebundenen Lehrkräften in den staatlichen Gewächshäusern oder Elfenbeintürmen gewisse Freiräume gewährt, je mehr und je weiter sie aufgestiegen sind. Aber durch oft unbewusst erfolgte Anpassung mittels schulischer und universitärer Ausbildungen, werden nicht einmal diese voll ausgeschöpft.

Trotz allem wirkt auf die junge Generation in der Realität dennoch der einzelne Lehrer als Kulturträger. Was hat der Mensch, der da vor mir steht, wirklich an Inhalten verinnerlicht und zu seiner Lebensmaxime gemacht? Liebt er sein „Fach“? Wenn heute überhaupt noch Bildung stattfindet, dann nicht wegen, sondern trotz der Bildungsprogramme. Der Zeitgenosse wird aber unter den gegebenen Umständen daran gewöhnt, unter Bildung das Abarbeiten eines von einer Obrigkeit gegebenen Programmes zu verstehen. Originelle Köpfe, Querdenker, Dissidenten, mutige Rebellen des Geistes, die eine neue Lehre hervorbringen etc. kann man immer mehr mit der Lupe suchen. Menschen, die mutig ideell für etwas einstehen, komme was da wolle; die im Verfechten einer Weltanschauung eine Mission erleben; die verantwortlich etwas zur Entwicklung der Menschheit beitragen und beitragen wollen. Das Elend des Akademismus liegt doch darin, in der rein betrachtenden Haltung aus dem Fenster des zwangsfinanzierten Elfenbeinturmes unverbindlich auf die Gesellschaft zu schauen. Menschen, die sich mit Dienst nach Vorschrift zufrieden geben, weil damit einher geht, dass sie als Bedienstete für ihre Handlungen persönlich nicht verantwortlich gemacht werden können. Sie wollen gar nicht mehr Freiheit, denn diese würde sie in die persönliche Verantwortung nehmen. Und schon gar nicht wollen sie die strukturelle Gewalt, die in der staatlichen Zwangsfinanzierung ihrer Bildungseinrichtung wirkt, hinterfragen. Würden sie dies, müssten sie sich initiativ in die Gesellschaft stellen. Jegliche Weltfremdheit, so wie abgehobener Bekenntnisidealismus wären dann nicht mehr aufrecht zu erhalten.

Infolgedessen ist die erste gesellschaftliche Forderung, dass den Entschlossenen und Mutigen wenigstens erlaubt ist eigene freie Schulen und Universitäten zu gründen. Schulen auf deren programmatische Ausrichtung der Staat im Rahmen der Menschenrechte keinen Zugriff hat. Kollegien an solchen Schulen definieren selbst, wer ein Lehrer sein kann und wer nicht und welche Wege der Finanzierung sie suchen. Solche Schulen, die um ihre Existenz kämpfen, kämpfen müssen, ja kämpfen wollen, um ihre Relevanz vor den Menschen beweisen zu können, werden auch Innovationen im Bereich der Wirtschaft und des Rechts erst ermöglichen, einfach weil sie danach streben wirtschaftlich und geistig autonom zu sein. Das ist die Zukunft und die Aufgabe der freien Zivilgesellschaft. Bildung muss aus dem Bereich der Staates übergehen in den freier, initiativer Menschen.

Wer das durchschaut, erkennt auch, wie destruktiv die normierende staatliche Einflussnahme im Bereich der Kultur ist. Er versteht, dass hier das Ideal der Gleichheit durch jenes der Freiheit als lebendige Kraft ersetzt werden muss. Utopisch? Nein, denn das, was wir z.B. als Bewegung der alternativen Medien im Internet erleben, ist genau das Beschriebene. Evolution verläuft in Schritten. Lass uns damit anfangen das Bildungswesen, die Bildung aus der Kralle des Staates zu befreien, damit sich die Bewusstseinsbildung auf freiem Boden entfalten kann und die Menschen wieder lernen Zutrauen in die eigene Ideenwelt zu haben, um Kultur und Geschichte in die eigenen Hände zu nehmen. Das ist die wahre Emanzipation des Menschen bis in die Realität, bis in die Strukturen gedacht. Ein nächster Schritt wäre beispielsweise die Begründung einer Friedensuniversität, die sich der umfassenden sozialen Frage mit allen Aspekten annimmt. Die Dozenten haben wir ja alle schon: Daniele Ganser, Dirk Pohlmann, Rainer Mausfeld, Ken Jebsen und weitere. Denn nur aus einem erweiterten geistigen Horizont können sich zukunftsbildende Prozesse organisch ergeben.

Gleichheit im Rechtsleben

Wie dient der Staat uns am besten? Diese Frage ist nur zu beantworten, wenn wir uns im Klaren sind, was wir überhaupt darunter verstehen wollen. Denn heute ist Staat mehr oder weniger alles: Als Einheitsstaat ist er Bildungs- und Kulturträger, Wirtschaftsunternehmer und Sicherheitsgarant. Schon Wilhelm von Humboldt hat nach seinen Eindrücken von der französischen Revolution in seiner Frühschrift „Ideen zu einem Versuch die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“ davor gewarnt dem Staat alle möglichen Aufgaben zu geben, die er, wie oben beschrieben (Bildung) in Wirklichkeit gar nicht leisten kann. Was aber kann er leisten? Was können Institutionen leisten, die nach Maßgabe von abstrakten Gesetzen ihre Wirkung entfalten? Denn nichts anderes ist der Staat. Was er geben kann ist Sicherheit. Nach Humboldt wirkt der Staat dann heilsam, wenn er in dem Sinne passiv bleibt, als dass er einerseits nicht auf die Gesellschaft als Oberlehrer einwirkt oder andereseits nicht seine Macht als Wohltäter nutzt. An dieser Stelle formuliert Humboldt einen zunächst unangenehmen Gedanken, der sich aber aus einer ehrlichen sozialpsychologischen Betrachtung ergibt: Wohltaten vom Staat machen die Menschen gegeneinander passiv, sagt er und meint damit unverantwortlich für das gesellschaftliche Wohl. Damit ist unsere gesellschaftliche Situation wunderbar charakterisiert. Was aber der Staat sollte und kann, ist, uns vor Kriminalität in jeglichem Sinne zu schützen: Umweltschutz, Kinderarbeit, Hygiene in Restaurants, Frauenrechte, Sicherheit am Arbeitsplatz, Produktsicherheit... Er wird aber erst aktiv, wenn es zu Überschreitungen kommt. In diesem Sinne ist es übergriffig die Menschen z.B. zum Einbau von Brandschutzmeldern, zu irgendeiner Staatsbeschulung oder womöglich zukünftig noch zur Impfung ihrer Kinder zu zwingen. Den Menschen also aktiv zu Handlungen zu nötigen. Gemäß dieses Gedankens setzt der Staat ausschließlich Grenzen wenn Individuen unethisch handeln. Punkt. Er beschränkt den einzelnen Menschen und bekommt von der Gesellschaft die Autorität dafür. Vom Staat geht gewissermaßen Ruhe aus, weshalb er als Bildungsträger letztlich so lähmend wirkt. Destruktivität bedeutet das Richtige am falschen Platz zu etablieren.

Die waagehaltende, blinde Justitia versinnbildlicht das Ideal des Rechtslebens: Ohne Ansehen der Person soll für alle gleichermaßen Recht gesprochen werden. Was in diesem Sinne der Tod des Kulturlebens bedeutet, wo alles auf die Person als initiativen Faktor ankommt, wirkt hier im Staat produktiv als Ideal des Rechts. Das Recht muss sich ohne Rücksicht auf wirtschaftliche Abhängigkeiten aus dem reinen allgemeinen Rechtsgefühl der Mehrheit generieren. Die Wirtschaft muss dieses gesetzte Recht so voraussetzen wie die Naturgrundlage, die sie vorfindet. Ein initiatives unabhängiges Bildungsleben hingegen arbeitet so am Bewusstsein, dass sich die Gesetzgebungen produktiv, d.h. im Sinne der individuellen Freiheitsentfaltung in Verantwortung dienend entwickeln kann.

Welche Regeln in Anwendung gebracht werden sollen, darf auf dem Stand der modernen Bewusstseinsentwicklung nicht mehr, wie in früheren Jahrtausenden, von einer von „Gottes Gnaden“ berufenen Obrigkeit bestimmt werden, sondern von unten durch den demokratischen Souverän, d.h. durch die Bevölkerung in einem bestimmten Gebiet. Dies muss durch direkte Demokratie gewährleistet werden. Jeder Einzelne muss das Recht haben durch ein geordnetes Verfahren (Volksinitiative, Volksbegehren, Volksentscheid) unter den Bedingung der freien Information zwecks Beratung dem Souverän Rechtsvorschläge zur Diskussion und schließlischen Entscheidung vorzulegen. Das wird immer dann geschehen, wenn das Parlament nicht befriedigend arbeitet oder aktuelle Gefährdungen in der Gesellschaft verschläft. Aus dem Kulturleben wird dabei immer wieder der Impuls der Selbstbeschränkung des Staates zu leisten sein, also die Selbstbeschränkung des demokratischen Prinzips wachgehalten werden. Die glühenden Verfechter einer allumfassend wirkenden Demokratie vergessen ihre Kehrseite: Für den Einzelnen bedeuten auch direktdemokratisch beschlossene Gesetze absoluten Zwang, deren Durchsetzung mit staatlicher Sanktion und auch Gewalt erfolgen muss. Das wäre Diktatur der schlimmsten Sorte, weil sie absolut legitim erscheint: Demokratur.

Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben

Die Wirtschaft dominiert heute alle anderen gesellschaftlichen Bereiche. Alles wird durch sie zur handelbaren Ware gemacht, alles ihren Profitinteressen untergeordnet und wenn es dafür in einen Krieg mit Millionen von Toten geht - egal! Menschenleben und der Planet werden zunehmend zerstört. Heute dienen einer solchen „Wirtschaft“ der vereinnahmte Staat mit seinem Militär und damit zwangsweise der Steuerzahler. Weitgehend korrumpierte Medien tragen das Ihrige bei, uns für die „Notwendigkeit“ jedes beliebigen Krieges zu gewinnen.

Allzu verständlich die immer und immer wiederholte Klage gegen „den Kapitalismus“ als Ausgeburt des Bösen. Natürlich gibt es Systemzwänge, strukturelle Gewalt auch hier, aber dennoch darf man nicht vergessen, dass am Ende Menschen agieren und sich den Verlockungen zur Verfügung stellen oder durch Vereinzelung in einer unsolidarischen Gesellschaft wirtschaftlich erpressbar sind. Man könnte die Gewichtung unserer Probleme auch von einem anderen Gesichtspunkt betrachten: „Die“ Wirtschaft hat einfach nur nach den in ihr liegenden Kräften agiert, uns im reichen Norden immerhin mit einem trotz zunehmender arm-reich Schere national wie weltweit erstaunlichen Wohlstand versorgt. Was gefehlt hat waren starke Gegenkräfte aus der Kultur. Insofern könnte man die krisenhafte Lage auch einem versagenden, durch den staatlichen Einfluss gelähmten Bildungs- und Kulturleben zuschreiben, welches keine Kraft entfaltet starke moralische Impulse im individuellen Menschen wach zu rufen. Ein Kulturleben, welches z.B. Unternehmer hervorbringt und befähigt, die soziale Frage je und je nach Maßgabe der konkreten Möglichkeiten anzugehen und zu lösen. Ein Kulturleben, dass selbstlose Aufklärer hervorbringt. Ein Kulturleben das spirituelle Impulse in sich trägt etc...

Wenn man eben in den Wirtschaftwissenschaften, wie oben schon erwähnt, mehr als 100 Jahre die Idee und den Gedanken des Egoismus als Triebkraft des wirtschaftlichen Handelns lehrt und kultiviert, darf man sich nicht wundern, wenn er immer mehr Realität wird. Die hochgepriesene soziale Marktwirtschaft zementiert in Wirklichkeit diese Verhältnisse, indem sie dem Wirtschaftsegoismus freie Bahn verschafft, da ja für „das Soziale“ der Staat zuständig sei.

In Wirklichkeit ist es das Wesen der arbeitsteiligen Welt-Wirtschaft moderner Prägung allein durch die Tatsache des Arbeitsteiligen sozial zu sein, denn niemand arbeitet heute „für sich“, sondern dient, so egoistisch auch seine Motive sein mögen, dem Mitmenschen mit Waren und Dienstleistungen. Dass Menschen unter unsäglichen Bedingungen ausgebeutet werden ist Faktoren geschuldet, die u.a. eben auf besagte Wirtschaftswissenschaften zurückgehen und einen durch Lobbyisten vereinnahmten Staat, der dem Einzelnen nicht zu seinem Recht verhilft und der Wirtschaft nicht entsprechende menschenrechtliche Vorgaben macht.

In all den Jahren wurde nicht darüber aufgeklärt, dass das Grundübel zentral darin besteht Arbeit als Ware (moderne Sklaven auf dem Arbeitsmarkt), Recht als Ware (Käuflichkeit von Grund und Boden), Geld als Ware („Arbeitendes“ Geld durch Zins und Zinseszins) anzusehen.

Im gesunden Sinne kann nur Warenproduktion, Warenzirkulation und Warendistribution Inhalt wirtschaftlichen Handelns sein. Dann sind überhaupt erst die strukturellen Bedingungen hergestellt, dass Wirtschaft höchster Ausdruck einer dienenden Brüderlichkeit werden kann.

Weiterführende Literatur:

Die soziale Grundforderung unserer Zeit

ISBN: 978-3-7274-7460-6

Zwölf Vorträge: Der Osten und der Westen in geistiger Betrachtung / Abstraktion und Wirklichkeit im Sozialen / Notwendiges Interesse der einzelnen Menschen an den anderen Menschen / Die Entwickelung mechanischer, eugenetischer und hygienischer okkulter Fähigkeiten in der Zukunft / Grundbedingungen des sozialen Lebens / Gespenster des alten Testaments im Nationalismus der Gegenwart / Soziale und antisoziale Triebe im Menschen / Die Umwandlung instinktiver in bewußte Impulse / Wirklichkeitslogik und Begriffslogik / Die Metamorphosen der Intelligenz / Die neue Geistesoffenbarung / Das Christentum und die sozialen Forderungen unserer Zeit

Zum Autor:

Stefan Böhme

Stefan Böhme Jahrgang 61, Lektor und freier Autor. Studium der Eurythmie. Mitglied der freien Bildungsstiftung. Politisch aktiv in der Friedensbewegung ab 2014. Druschba-Friedensfahrt nach Russland 2016 und 2017. Seit 2017 Mitglied der Zivilimpulsredaktion.