Wir haben mit Finanzwirtschaft und Staat ein Monster installiert
Bild: Freie Bildungsstiftung

Wir haben mit Finanzwirtschaft und Staat ein Monster installiert

Thomas Brunner, Gründer der Freien Bildungsstiftung im Interview bei Zivilimpuls

erschienen in Ausgabe 1-2018, S. 4 und 5

Unser Mitarbeiter Stefan Böhme (SB) befragte seinen langjährigen Freund Thomas Brunner (TB) zu den Gründungsimpulsen der 2009 inizierten Freien Bildungsstiftung und zu seiner Sicht auf das Zeitgeschehen.

SB: Bevor wir genauer auf die freie Bildungsstiftung eingehen, schildere doch bitte mal aus Deiner Sicht die gesellschaftliche Situation der Gegenwart, in der die Stiftung steht.

TB: Ja, kurz zusammengefasst würde ich sagen: wir haben heute ein Monster installiert und dieses Monster besteht aus Finanzwirtschaft und Staat. Dem gegenüber ist auf der einen Seite die Ebene der Individualität zunehmend zerstört, das heißt der kulturellen Selbstbestimmung, und auf der anderen, die Ebene einer rein dienenden Wirtschaft um der Bedarfserfüllung willen.

SB: Das spricht die Frage der individuellen Selbstbestimmung und die soziale Frage an, die sogenannte soziale Frage. Aber warum gründet man dann eine Bildungsstiftung? Steht nicht die soziale Frage angesichts dieser Problematik im Vordergrund? Und warum war überhaupt eine Gründung einer neuen Institution nötig? Hätte man sich nicht an bestehende Organisationen anschließen können?

TB: Die Bildungsstiftung ist keine Institution im herkömmlichen Sinne, sondern sie ist ein Zusammenhang von Menschen, also eine Art Gesellschaftsbildung, freie Gesellschaftsbildung, um die individuellen Wahrnehmungen und Einsichten überhaupt wieder in einen Dialog zu bringen. Einerseits in Bezug auf die jeweils erlebten sozialen Verhältnisse und andererseits auf die daraus sich ergebenden Fragen. Also z.B., wie wir individuelle Entwicklung wiederum fördern können.

SB: Das finde ich interessant! Das heißt also, Bildung wird hier als eine Art „grassroot-mäßigen“ Prozess verstanden, so dass das, was bereits da ist in den Menschen, durch solch ein Organ in Zusammenhang, in Bewegung gebracht wird. Und nicht Bildung als etwas Abgehobenes, was jetzt in die Gesellschaft von „oben“ hineingebracht werden soll. Es ist mehr ein Öffnungsprozess, der vorhandene Potentiale weckt.

TB: Das ist eine Öffnung durch Begegnung mit differierenden Erfahrungen und Blickwinkeln. Primär eine Öffnung natürlich der eigenen Vorstellungen für andere Sichtweisen, also das heißt erst einmal ein Sich-Verständigen, sich überhaupt in Bereitschaft zu bringen eine andere Wahrnehmung ernst zu nehmen, um dadurch den eigenen Horizont der Wahrnehmung, die ja weitgehend durch sehr starke institutionelle Mechanismen z.B. in Staat und Berufsstand, bestimmt ist, zu erweitern. Man kann auch sagen, die Ebene des Geistes- oder Kulturlebens. Die Ebene des Menschen ist wieder neu aufzubauen, weil wir in einer überinstitutionalisierten Welt leben. Wir leben tendenziell in einer Kastengesellschaft, die durch sozialstaatliche Mechanismen gegliedert ist.

SB: Das bedarf jetzt ein bisschen der Erläuterung! Auf jeden Fall passt das sehr gut zu dem Motto unserer Zeitung: Audiatur et altera pars, zu Deutsch, die Gegenseite ist anzuhören.

TB: Wir leben ja in einer paradoxen Situation: Auf der einen Seite haben wir in der heutigen vermeintlich freien Marktwirtschaft das Dogma der unsichtbaren Hand. Das heißt, wir haben das durch Zufallsmechanismen sich ordnende Marktgeschehen: Angebot/Nachfrage, das Konkurrenzprinzip, Egoismus als Leitbegriff im Wirtschaftsleben etc.. Auf der anderen Seite haben wir einen immer weiter ausgreifenden Staat als vermeintlichen Ausgleich dieser Willkürwirtschaft. Und dieser Staat führt eine obligatorische Rundfunkgebühr ein, ein Kulturstaatsgesetz, zwingt alle Bürger durch eine strikte Schulpflicht unter sein Bildungsmonopol und richtet z.B. weit in den privaten Bereich reichende Brandschutznormen ein, die zwar gewisse Branchen wirtschaftlich gefördert haben, aber die Brandquote statistisch nicht signifikant gemindert haben. Und so weiter und so fort. Das heißt, auf der einen Seite haben wir ein irrsinniges Zufallsgeschehen und auf der anderen eine übernormte Gesellschaft. Das ist nichts anderes als eine installierte Schizophrenie und diese Schizophrenie hebelt ja Menschen als Verantwortungsträger, als Individuelle Verantwortungsträger zunehmend aus.

SB: Ist das das Gesamtbild dessen, was wir Neoliberalismus nennen?

TB: Das ist aus meiner Sicht Neoliberalismus, weil Neoliberalismus eben in keiner Weise nur eine Liberalisierung der Märkte bedeutet.

SB: Also Marktradikalismus ist nicht Neoliberalismus?

TB: Einerseits schon, doch dieser Marktradikalismus wird durch Gesetze wiederum überhaupt erst ermöglicht. Man kann auch sagen durch Aufweichung von Gesetzen, was ja auch ein rechtlicher und machtpolitischer Vorgang ist. Aber andererseits eben durch eine zunehmende Regulierung der Gesellschaft und da sind ja besonders die bedeutenden Forschungen von Philip Mirowski [1] zu erwähnen, der diese Ambivalenz des Neoliberalismus herausgearbeitet hat.

SB: Also das ist jetzt die Lage, in der wir uns befinden. Nun meint man ja im politischen Feld, die entscheidende Methode dem entgegen zu gehen sei die Stärkung des Staates, von dem man meint, besonderes von linker Seite, aber vielleicht sogar nicht nur von linker Seite, dieser Staat müsse seine Rechtsfunktion wieder voll erfüllen und uns vor den übermächtig werdenden Konzernen und dem weltweiten Märkten schützen. Ich denke, dass daran auch ein Aspekt sehr richtig ist, aber ich habe den Eindruck, dass wir damit natürlich noch nicht zum Aufbau einer neuen Gesellschaft kommen. Wie siehst Du das?

TB: Das Trugbild ist ja, dass wir hier eine expandierende Wirtschaft hätten. Wenn wir ehrlich sind, dann sehen wir, dass wir eine zunehmende Zerstörung wirtschaftlicher Beziehungen haben. Die ganze heutige Finanzwirtschaft, wie sie zunehmend in die Realwirtschaft einwirkt, ist ja gerade nicht ein Einwirken im Sinne einer erweiternden wirtschaftlichen Tätigkeit, sondern sie ist ja das Gegenteil. Sie hat ja ausschließlich zum Inhalt die Gewinnmaximierung, die ja gar nicht Acht gibt auf den eigentlich wirtschaftlichen Bedarf und die sich daraus ergebenden Notwendigkeiten. Der Bedarf des Menschen, als die eigentliche Aufgabe des Wirtschaftens sollte in das Zentrum des Wirtschaftslebens aufgenommen werden. Und es gilt ganz klar die weitreichenden Kapitalinteressen der Aktionäre etc., die heute einwirken, zurück zu drängen. Denn wirtschaften heißt, füreinander Produkte erzeugen und Dienstleistungen zu erbringen. Dafür muss ich mich vor allem für den Bedarf überhaupt erst einmal interessieren. Durch das bis heute herrschende römische Eigentumsrecht, insbesondere das dadurch bedingte Eigentum an Produktionsmitteln, werden die Verhältnisse gegenwärtig aber permanent zu Gunsten der Renditen einer abstrakten Finanzwirtschaft manipuliert. Und diese Vorrechte sind wiederum durch staatliche Gesetzgebungen bedingt.

SB: Und dass wäre im Grunde dann wieder der Punkt, dass Menschen aus allen gesellschaftlichen Bereichen wieder Interesse am Wohlergehen des Ganzen entwickeln. Sie werden dies aber nur können, wenn sie ihren persönlichen Wahrnehmungshorizont in Foren, Konferenzen, Begegnungen erweitern, die durch die Freie Bildungsstiftung ermöglicht werden sollen, wenn ich es recht verstehe?

TB: Die eigentliche Geisteslebenssphäre ist neben organisierten Tagungen und Institutionen etc. primär noch eine andere. Durch sie kann sich mir überhaupt erst der menschliche Zusammenhang erschließen. Wenn ich, wie es heute in Deutschland noch üblich ist, den staatlich inszenierten Einrichtungen gegenüberstehe, das heißt als Vater, als Mutter meine Kinder in die Schule bringe, deren Gestalt von vorneherein staatlich bestimmt ist, oder im Gesundheitswesen auf eine staatlich definierte Gesundheitsvorsorge treffe usw., dann werde ich von vorne herein als Bürger eigentlich zu einem entmündigten Kunden erzogen, dem die Eigeninitiative überhaupt nicht zugestanden wird. Dem nicht zugestanden wird nach Einsicht freie Zusammenhänge zu bilden. Also die Bildungsstiftung ist erst einmal ein Anfang einer neuen Orientierung im Sinne dessen, dass wir wieder Erlebnisse aufbauen wollen, Erlebnisse ermöglichen wollen, dass Menschen wieder erleben können: Ja! - Initiative ist möglich! Mir wird zugehört, ich bin nicht nur ein Erfüllungsgenosse, ein Handlanger oder eben lediglich ein Kunde. Das ist wirklich die individuelle Ebene, durch die sich mein Blick erweitert und dieser Blick kann nun zu einem Interesse werden in der jeweiligen konkreten Situation das Angemessene zu tun und nicht bloß das Verordnete. In dem Moment, wo ich das erkenne, beginnt die Sache auch im wirtschaftlichen Feld zu wirken, das heißt, Motiv meines Handelns ist dann nicht mehr eine Theorie, wie die die ja fast physikalische und abstrakte Theorie der Gewinnmaximierung z.B., mit der ich in einer Region agiere, sondern mein Motiv wird es, vor allem die konkreten Lebensverhältnisse wahrzunehmen, die dort vorhanden sind, die konkreten Arbeitsverhältnisse, die Bedürfnisse usw.

SB: Das finde ich jetzt interessant, denn das hieße ja, zunächst wenigstens den Begriff der Wirtschaft, auch den der unternehmerischen Initiative und dann Stück für Stück das Leben durch einen Kulturimpuls dieser Art vom Egoismus zu befreien. Das sind wir nicht gewohnt. Die normale Denkweise ist ja, die Ungerechtigkeiten, die durch das angeblich unvermeidbar egoistische wirtschaftliche Treiben der Individuen, durch den Staat auszugleichen. Deshalb dürfe man auch nicht die Schulen der sogenannten „privaten“ Initiative überlassen, sondern der Staat habe mit seinen politischen Programmen für umfassende Bildungsgerechtigkeit zu sorgen. All das setzt voraus, dass jenseits von abstrakter Zwangsverwaltung und egoistischem Marktgeschehen keine relevante gesellschaftliche Kraft vorhanden ist. Bist Du wirklich der Meinung, dass Schulen in Zukunft nicht mehr vom Staat betrieben werden sollten? Wie begegnest du der Befürchtung es würden sich Elite- und Sektenschulen gründen?

TB: Das Originelle ist ja, dass man sagt: damit gewisse Dinge nicht in Erscheinung treten, bräuchten wir die staatliche Schulhoheit. Wenn man mit einem sozialpsychologischen Blick genauer hinschaut, ist es doch genau andersrum: Weil wir diese Art von Erziehung haben, weil wir diese Art von Bildung haben, weil wir diese Art von hierarchischen Institutionen mit Notensystem und Selektionsmechanismen haben, haben wir diese Art von Egoismus betriebener gesellschaftlicher Verwerfung!

SB: Aha, das heißt also tatsächlich, man muss eigentlich den Menschen nicht erst sozial machen, sondern man muss aufhören, ihn egoistisch zu machen! Und Begegnungsorte und Erkenntnisse bieten, durch die er seine Sozialität wieder entdecken kann.

TB: So! Das heißt, die Strukturen normieren mich zu einem Einzelwesen mit partikularen Interessen, weil ich vermeintlich durch Kooperation in den bestehenden Einrichtungen nicht weiterkomme, sondern nur, wenn ich weiß, wie ich auf der Karriereleiter voran gehen kann. Darum brauchen wir freie Institutionen, jenseits des staatswirtschaftlichen Gefüges, die andere Kräfte im Menschen überhaupt hochkommen lassen. Deshalb sagte ja Rudolf Steiner bereits so schön: „Das befreite Geistesleben wird soziales Verständnis ganz notwendig aus sich selbst entwickeln; und aus diesem Verständnis werden Anreize ganz anderer Art sich ergeben als der ist, der in der Hoffnung auf wirtschaftlichen Vorteil liegt.“(2)

SB: Also wir haben ja jetzt tatsächlich auch Schulen gewissermaßen als eine Form unternehmerisch zu gründender Institutionen verstanden. Aber nur unter der Voraussetzung, dass ein anderer Freiheitsbegriff durch einen Kulturimpuls in die Lande kommt, als er heute gang und gäbe ist. Dieser verdient diesen Namen allerdings nur, wenn er die Kraft der Überwindung des gängigen Freiheitsbegriffes, der sich nur auf den persönlichen Nutzen, eben auf den Egoismus bezieht, mit sich bringt.

TB: Man muss ja einfach sehen: der Sozialstaat und auch der ganze Subventionsstaat in der heutigen Form tritt in dem Moment auf, wo der Schaden durch den Kapitalismus, so wie wir ihn aktuell betreiben, in Erscheinung tritt. Als Bismarck seine Sozialgesetzgebung etablierte, da argumentiert er ganz offen: “Mein Gedanke war, die arbeitenden Klassen zu gewinnen, oder soll ich sagen zu bestechen, den Staat als soziale Einrichtung anzusehen, die ihretwegen besteht und für ihr Wohl sorgen möchte.”[3] Um eine wirkliche Sozialgestaltung ging es nicht, der Sinn der Sozialgesetzgebung war schlicht und einfach der Erhalt der gegebenen Besitz- und Machtverhältnisse und Sympathien für den neu entstandenen Nationalstaat zu wecken. Anstatt dass ich als verantwortlicher Mensch, Bürger und Unternehmer die sozialen Verhältnisse aus der Mitte der Gesellschaft je und je konkret gerecht und umsichtig gestalte, indem ich z.B. unangemessene Einkommen zahle, schaffe ich Abhängigkeiten von übergeordneten Institutionen.

SB: Ich verstehe. Dies erzeugt eine paralysierte Gesellschaft, wie wir sie heute oft, trotz eines angeblich hohen Bildungsstandes, zu beklagen haben. Statt sich verantwortlich vielleicht letztlich sogar auch finanziell zu engagieren, zieht man sich in seine Privatoase zurück und überlässt dem Staat alle relevanten Aufgaben, der dann darin wiederum seine Berechtigung findet, immer mehr Abgaben zu fordern...

TB: ...und der dann staatliche Theater finanzieren oder Schulen ausstatten kann und dann wie eine Inszenierung vor uns hinstellt, um damit wiederum zu versuchen auszugleichen, was wir durch die bestehenden Einrichtungen davor zerstört haben. Offensichtlich wäre es richtiger und produktiver, die Menschen von vornherein in einer anderen Weise im gesellschaftlichen Zusammenhang mitwirken zu lassen. Anders mit einem Einkommen auszustatten, damit sie auch ihre kulturellen Interessen und Bildungsbedürfnisse selbstbestimmter gestalten können. Das ist der Zusammenhang einer anderen Wirtschaft mit einer befreiten Bildung und natürlich besteht da eine positive Wechselwirkung, denn je mehr individuelle Menschen wirklich beginnen sich für andere individuelle Menschen zu interessieren, wird auch das längst anachronistisch gewordene nationalegoistische Wirtschaften überwunden und ein solidarischer weltwirtschaftlicher Zusammenhang eröffnet.

SB: Nun gut, das Wirtschaften ist ja sowieso schon lange Weltwirtschaft.

TB: Richtig, doch die Begriffe sind immer noch nationalwirtschaftliche Begriffe solange wir noch vom Wirtschaftsstandort Deutschland sprechen und es ist ja im Besonderen die Krux, dass der Gedanke des Sozialen heute im Grunde immer noch an den einzelnen Nationalstaat gebunden und nicht unter den Menschen, also transnational verankert ist. Das ist die ganze Thematik, warum es einerseits eine Befreiung des Geisteslebens braucht und warum es andererseits eine Neuorientierung, eine neue solidarische Gestaltung der wirtschaftlichen Zusammenhänge braucht. Wenn ich es richtig betrachte muss ich also an der Ursache ansetzen: ich muss den Kapitalismus in der Form als Ausbeutungsmechanismus überwinden, damit durch eine gerechtere Einkommensverteilung und durch eine Überwindung aller Mechanismen, die durch Geld Geld machen, ein wirklich soziales Leben entstehen kann...

SB: …anstatt leistungslose Einkommen zu generieren!

TB: Genau! Leistungslose Einkommen generieren, durch all diese Mechanismen, durch diese Anonymisierungsmechanismen, die wir heute im Geldwesen haben, um wieder in wirklichen Zusammenhängen zu denken. So wird auch das Kulturleben die Mittel haben, durch die Menschen selbst. So müssen sie nicht künstlich durch den Staat in der Form von Brot und Spielen unterhalten werden.

SB: Und Du würdest dann auch die Hoffnung haben, dass der Ausgleich, der jetzt durch Rechtsanspruch auf Sozialleistung auf Schulbildung usw. gewährleistet werden soll, in anderer Weise, in lebendigerer Form stattfindenkönnte - dann?

TB: Das Eigentümliche ist, dass die gegenwärtigen Verhältnisse ja das Gegenteil dessen zeigen was behauptet wird. Gerade ein ausweitender Sozialstaat hat ja zur Folge, dass eine zunehmende Vermögensungleichheit in der Gesellschaft entsteht. Das sieht man z.B. besonders im sozialen “Musterland” Schweden. Wir reden hier auch ganz konkret vom staatlichen Schulwesen, wir reden davon, dass die Leute durch staatliche Bildung fit gemacht werden sollen und kaschieren die Tatsache, dass wir in Deutschland ungefähr 10 Millionen strukturelle Analphabeten haben. Also das heißt, die vermeintliche Effektivität der bestehenden Systeme ist ja ganz offensichtlich nicht gegeben. SB: Aha, also in doppelter Hinsicht nicht gegeben.

TB: Ja, die Gesellschaft verarmt geistig und materiell!

SB: ...und die Gerechtigkeit wird nicht erzeugt. Der Aufstieg aus den unteren Klassen, wie man das so sagt, ist in Deutschland sehr selten. Der Schulzwang bringt nicht das, was er verspricht. Was hindert uns in Deutschland der Schule und dem Bildungsprozess mehr Freiheit zu geben, ihn den Menschen zu übergeben? Wo siehst Du da die Hauptstolpersteine, die Haupthindernisse?

TB: Das hat einmal der jetzige Präsident der Universität von Hamburg, Dieter Lenzen, sehr schön formuliert: „Ich frage mich, warum der Staat in Deutschland die Schulpflicht mit Zähnen und Klauen verteidigt. Die Antwort ist leider nicht schmeichelhaft: Adolf Hitler führte das Verbot des Hausunterrichts 1938 aus leicht durchschaubaren Gründen ein. Er wollte keine Bereiche entstehen lassen, die der staatlichen Kontrolle entzogen wären. Und dann? Was für Ulbricht und Honecker noch gegolten haben mag, ist für das wiedervereinte Deutschland schwer verständlich. Vor welcher Freiheit hat man Angst? Machen wir uns nichts vor: Die Zahl von Politikern, die die Bevölkerung gern bevormunden, steigt...“[4] Anders gesagt: Zumeist geht es schlicht und einfach um Besitzstände und Pfründe, nicht um Demokratie, Freiheit oder soziales Wohl. Aber deshalb geht es heute darum, dass wir die Gestaltung der sozialen Verhältnisse nicht mehr an einen abstrakten Apparat delegieren, sondern durch Initiative und unmittelbare Anerkennungsverhältnisse eine neue Sphäre der Verantwortung bilden.

SB: Sehr schön, gut. Vielen Dank für das Gespräch! Thomas Brunner wurde 1965 in Balingen geboren. Sein spanischer Großvater,der Rechtsphilosoph Eduardo Felipe González Vicen war eine prägende Persönlichkeit für ihn. 1983–87 studierte er die Bewegungskunst Eurythmie in München und Wien. Er war Mitarbeiter im Kulturzentrum Forum 3 in Stuttgart, war Briefträger, Aktionskünstler, Lehrer an der Freien Waldorfschule Kiel. Von 2002–2009 arbeitete er als Lehrer an der Freien Waldorfschule Cottbus. Seitdem ist er freischaffender Künstler, Vortragsredner, Seminarleiter und als Teilzeit-Lehrer an der sich im Aufbau befindenden Freien Waldorfschule Görlitz „Jacob Böhme“ tätig. Thomas Brunner initierte verschiedene Projekte, u.a. die Schenkgemeinschft Initiativkonto im Rahmen der GLS-Bank, den Initiativraum für Kunst und Sozialgestaltung in Kiel und die Freie Sommeruniversität.

Quellen:

(1) Philip Mirowski: Untote leben länger - Warum der Neoliberalismus nach der Krise noch stärker ist, Matthes & Seitz, Berlin, September 2015

(2) Rudolf Steiner, Die Kernpunkte der sozialen Frage, GA 23, Dornach 1976, S. 109

(3) Otto von Bismarck, Gesammelte Werke, (Friedrichsruher Ausgabe), 1924/1935, Band 9, S. 195F

(4) Aus: Dieter Lenzen, „Heimunterricht muss erlaubt sein“, in: Der Tagesspiegel, Online, 25.05.2009, http://www.tagesspiegel.de/wissen/freie-sicht-heimunterrichtmuss-erlaubt-sein/1520628.html www.freiebildungsstiftung.de

Buch

Neoliberalismus
Bild: Screenshot Cover
Der Neoliberalismus und die Bewusstseinsseele Thomas Brunner

In den „Spielräumen“ der neoliberalen Weltwirtschaftsordnung hat sich in den letzten Jahrzehnten eine ungeheure Kluft zwischen den Erfordernissen der Real-Wirtschaft und den Machenschaften eines entkoppelten Finanzsektors aufgetan, die eine zunehmende soziale Schieflage erzeugt... Ursachen und Wege aus einer zunehmend paralysierten Gesellschaft

ISBN 978-3-942754-33-0

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