Paul Celan
gemeinfrei

Das Wort als Mittler zwischen Himmel und Erde

Eine weihnachtliche Betrachtung zur modernen Lyrik

Wo Liebe nicht ist, sprich das Wort nicht aus. Johannes Bobrowski

24.12.2020

Das Jahr 2020 war das 100. Geburtsjahr und das 50. Todesjahr des Dichters Paul Celan. Im selben Jahr, drei Wochen nach dem Freitod des Dichters, starb Nelly Sachs, fast eine Generation älter. Beide gehören zu den größten Dichtern des 20. Jahrhunderts, nicht nur im deutschsprachigen Raum, beide verband eine tiefe geistige Freundschaft. Die folgende Interpretation zweier Gedichte hat nicht nur einen inneren Bezug zur Weihnachtszeit, sondern auch zu diesem besonderen, schrecklichen und in vieler Hinsicht „atemberaubenden“ Jahr 2020. Sie wurde erstmals 2012 in der Vierteljahresschrift KURSIV der Freien Waldorfschule Heilbronn veröffentlicht.

Heinz Mosmann

Die Allgegenwart des Wortes

„Wenn uns jemand ein Rätsel vorlegte, wie Bilder des Auges und alle Empfindungen unsrer verschiedensten Sinne nicht nur in Töne gefasst, sondern auch diesen Tönen mit inwohnender Kraft so mitgeteilt werden sollen, dass sie Gedanken ausdrücken und Gedanken erregen, ohne Zweifel hielte man dies Problem für den Einfall eines Wahnsinnigen, der, höchst ungleiche Dinge einander substituierend, die Farbe zum Ton, den Ton zum Gedanken, den Gedanken zum malenden Schall zu machen gedächte. Die Gottheit hat das Problem tätig aufgelöst. Ein Hauch unsres Mundes wird das Gemälde der Welt, der Typus unsrer Gedanken und Gefühle in des andern Seele. Von einem bewegten Lüftchen hängt alles ab, was Menschen je auf der Erde Menschliches dachten, wollten, taten und tun werden; denn alle liefen wir noch in Wäldern umher, wenn nicht dieser göttliche Odem uns angehaucht hätte und wie ein Zauberton auf unsern Lippen schwebte. Die ganze Geschichte der Menschheit also mit allen Schätzen ihrer Tradition und Kultur ist nichts als eine Folge dieses aufgelösten göttlichen Rätsels.“

Johann Gottfried Herder: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit

Es gilt heute als zeitgemäß, auf die Unzulänglichkeit der „bloßen Worte“ hinzuweisen, ihren vermeintlichen Mangel an Wirklichkeit, ihre „Bedeutungslosigkeit“ und Unverbindlichkeit im „praktischen Leben“. Zudem haben wir auch als Zeitnotwendigkeit erkannt, allen voran in der Waldorfpädagogik, dass wir der Lähmung und der Entsinnlichung der Lebenswelt unserer Kinder mit einer handlungsorientierten Pädagogik entgegenwirken müssen, etwa durch erlebnispädagogische Projekte. Allein, diese Einsicht erklärt nicht das Misstrauen und die Geringschätzung gegenüber einem auf sprachlicher Vermittlung und Gesprächsführung aufgebauten „herkömmlichen“ Unterricht, wie man es in manchen Publikationen wahrnehmen kann. Diese scheinen eher einer Resignation zu entstammen, die sich an der Erfahrung einer im Medienalltag abgenutzten, sinnleer und wesenlos gewordenen Sprache gebildet hat, die allenfalls noch in der Lage zu sein scheint, emotionale Impulse zu transportieren oder als Informationssystem einem pragmatischen Zweck zu dienen.

Dabei wird allerdings übersehen, in welchem Maße dieses „praktische Leben“ selbst wiederum Sprache ist. Das Wort ist nach wie vor das hauptsächliche Mittel politischer und gesellschaftlicher Anteilnahme, im Guten wie im Schlechten. Worte sind es, die wir in den „Quellen“ der Vergangenheit finden, Worte sind es, die unsere Rechte als Menschen definieren, Worte haben Kriege entfacht und Frieden geschlossen, Worte haben die Beziehung des Menschen zum Geist gestaltet und die Erinnerung an seinen göttlichen Ursprung wach gehalten. Worte sind es, die den Geist verleugnen und den Menschen zur Sprachlosigkeit verdammen.

Herz
Bücherverbrennung Berlin, Mai 1933, Bild: SCHERL

Unsere höchste staatliche Instanz ist ein „Parlament“, ein Ort also, wo mit Worten gearbeitet wird. Im politischen Dialog wird oft jedes Wort auf die Goldwaage gelegt, in umkämpften Verträgen wird um geringste Nuancen in der Formulierung gerungen. Nicht zufällig haben in Diktaturen die Institutionen zur Sprachregelung oberste Priorität, wie sich am Beispiel der NS-Reichskulturkammer tausendfach zeigen lässt. Nicht ganz so vordergründig, aber politisch äußerst wirksam ist es, wenn mit neuen Wortschöpfungen Schub­laden für Vorurteile geöffnet werden (Integrationsverweigerer, Scheinasylant) oder insgeheim Wirklichkeitsbereiche verschleiert werden (Verteidigungsminister, Entsorgungspark). Der bewusste Umgang mit dem Wort, im Sprechen und Hören, im Schreiben und Lesen, ist Grundlage für unser Selbstverständnis und unser Verhältnis zu den Mitmenschen, er ist grundlegend für unsere seelisch-geistige Autonomie und unsere gesellschaftliche Wirklichkeit. Das sollten sich die Wortverächter und „Praktiker“ klar machen.

Zeugen des Wortes

Im Anfang war nicht die Tat, sondern das Wort – dies ist die sinnvollste Übersetzung des griechischen Begriffs „Logos“. „Und ein göttliches Wesen war das Wort…“ Sprache ist nicht nur Medium und Instrument, Sprache hat ein Eigenwesen, das zwischen den Menschen lebt und sie umfasst. Deshalb ist es fragwürdig, wenn man aus dem Vertrauensverlust, den unsere Sprache im öffentlichen und privaten Leben erfährt, die Konsequenz zieht, „zur Tat zu schreiten“. Eher sollte unser pädagogisches Bemühen dahingehend intensiviert und entwickelt werden, im Unterricht etwas vom Wesen des Wortes, des Logos, zum Erleben zu bringen.

Als eine erprobte Möglichkeit, ein solcherart vertieftes Erleben zu fördern, dient im Unterricht der Waldorfschule oftmals das gemeinsame Sprechen und die Erarbeitung eines Gedichts zu Beginn des morgendlichen Epochenunterrichts. Allerdings kann die Arbeit dieses sogenannten „rhythmischen Teils“ nur fruchtbar sein, wenn sie aus Einsicht und von Herzen kommt. Wer sie nur aus Tradition absolviert oder so wenig Zugang dazu hat, dass er nach ihrer Legitimation bei Rudolf Steiner suchen muss, sollte sie besser weglassen. Wer sich immer wieder neu damit beschäftigt hingegen, wird die Erfahrung machen können, dass die regelmäßige intensive Erarbeitung von Gedichten, insbesondere aus der Moderne, das Gespräch und die ganze Atmosphäre im Unterricht geistig öffnet und den rationalen Diskurs in einer wunderbaren Weise vertiefen kann. Man wird als Lehrer vielleicht sogar zu der Überzeugung gelangen, dass manches an tieferer Einsicht gar nicht möglich gewesen wäre ohne die Einbeziehung der dichterisch gestalteten Sprache in den Unterrichtsgang.

Gedichte, die das Wort selbst zum Thema haben, können dabei besonders fruchtbar sein. Im Folgenden sollen hierzu zwei Beispiele betrachtet werden, deren Autoren zu den größten Dichtern des 20. Jahrhunderts gehören: Nelly Sachs und Paul Celan. Sie gehören zu den zahlreichen Persönlichkeiten, deren Leben durch die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten zerrüttet wurde. Sie kannten sich und verehrten einander. Beide waren jüdischer Herkunft und in der deutschen Sprache verwurzelt. Beide wurden Heimatlose, durch Terror und Verfolgung entwurzelt, unter deren Folgen sie bis zum Tode furchtbar litten. Beide starben sie in kurzem Abstand im Jahr 1970, die Dichterin unmittelbar nach dem Freitod des fast eine Generation jüngeren Freundes. Beide haben sie lebenslang um geistige Identität und Wahrhaftigkeit des Wortes gerungen, beide wurden sie mit ihrem Werk zu glaubwürdigen Zeugen des Wortes.

Das kosmische Wort – Nelly Sachs

Völker der Erde
ihr, die ihr euch mit der Kraft der unbekannten
Gestirne umwickelt wie Garnrollen,
die ihr näht und wieder auftrennt das Genähte,
die ihr in die Sprachverwirrung steigt
wie in Bienenkörbe,
um im Süßen zu stechen
und gestochen zu werden –

Völker der Erde,
zerstöret nicht das Weltall der Worte,
zerschneidet nicht mit den Messern des Hasses
den Laut, der mit dem Atem zugleich geboren wurde.

Völker der Erde,
O dass nicht Einer Tod meine, wenn er Leben sagt –
und nicht Einer Blut, wenn er Wiege spricht –

Völker der Erde,
lasset die Worte an ihrer Quelle,
denn sie sind es, die die Horizonte
in die wahren Himmel rücken können
und mit ihrer abgewandten Seite
wie eine Maske dahinter die Nacht gähnt
die Sterne gebären helfen –

Dass die Schicksale und Entwicklungen der Völker vom kosmischen Umkreis her gestaltet werden, wurde in der Mensch­heitsgeschichte immer schon empfunden. Die Völker lebten stets in dem Bewusstsein, von diesen kosmischen Gestaltungskräften umgeben, „unwickelt“ zu sein, und dass die Bildung und Auflösung sozialer Gruppierungen unter der Führung dieser Kräfte vollzogen wurde. Die Ausformung unterschiedlicher Volkssprachen begleitete die Entwicklung eigener Kulturräume, die wie „Bienenkörbe“ den Völkern ein neues Lebensumfeld und den Menschen eine neue, selbstbezogenere Lebensweise ermöglichten – in Lust und Schmerz… –

In dieser langen Anrede an die Völker der Erde vollzieht die Dichterin eine weltumspannende Geste: von der sphärisch-umfassenden „Kraft der unbekannten Gestirne“ bis hin zum Gegenständlichen, zum ganz konkret Physischen, das wir in dem Vergleich mit „Garnrollen“ und im „Stechen“ empfinden. In diesem Hier und Jetzt wird das Kosmische, Unfassbare und Unwandelbare mit dem fast banal Gegenständlichen und Vergänglichen zu einer irritierenden Metapher verknüpft. Das ist die Spanne, die das Wort umfasst: von den Grenzen des Unsagbaren zum vereinzelten, zweckbestimmten, begreifbaren Einzelding.

Nun erst hebt der eigentliche Appell an, der vom „Weltall der Worte“ spricht. Es gibt also eine kosmische Wirklichkeit des Wortes, einen Logos, der über die Sprachverwirrung hinausgeht. Trotz aller irdischen Vereinzelung ist dieses Weltall noch ein worthaftes, sinnvolles Ganzes. Die Bienenvölker sind auch weiterhin in diesem alles umfassenden Kosmos aufgehoben – weil im Atem zugleich jenes Liebesband wirkt, das den Logos, den kosmischen Sinn, mit dem materiellen Dasein verbindet: der Laut. Der Laut ist die Seele des Wortes, im Laut klingt deshalb die Seele des Menschen im Einklang mit dem göttlichen Wort. Hier ist das Geistige noch anwesend, auch wenn es vom Verstand längst nicht mehr wahrgenommen wird.

Die Kraft, die auch diesen Einklang mit dem Weltall zerstören kann, die das Band, die innere Einheit der Seele mit dem Wort, zerschneidet, wird hier als Hass bezeichnet. Der abgetrennte Laut kann dann zu Lüge und Täuschung gebraucht werden: der große Verdreher (hebr. Tophel) präsentiert sich der menschlichen Selbstsucht als Diener. Die Worte enthalten dann nicht mehr das Gemeinte, sie werden für wortfremde Zwecke instrumentalisiert. Sie zeugen nicht mehr von ihrem geistigen Ursprung. –

Herz
Nelly Sachs, gemeinfrei

In einem erneuten Appell werden die Völker aufgefordert, der kosmischen Quelle der Worte eingedenk zu sein, denn nur dann können diese „die Horizonte in die wahren Himmel rücken“. Was sind „falsche“ Himmel?, fragen wir uns hier. Die Stelle erweist sich als die eigentliche Schlüsselstelle des Gedichts. Unser Wort „Himmel“ hat ja eine doppelte Bedeutung. Zum einen ist damit der äußere, physisch-sinnlich wahrnehmbare blaue Himmel oder auch der nächtlich sichtbare Sternenhimmel gemeint, die zweite Bedeutung hingegen ist eine geistige: Himmel heißt hier soviel wie „göttlich-geistige Welt“. Inwieweit wir ein Bewusstsein von diesem „wahren Himmel“, dem geistigen Kosmos haben, in dem wir urständen, ist zutiefst verbunden mit dem seelischen Erleben des Wortes. Der Horizont weitet sich über das bloß Materielle hinaus, wenn das Geistige des Wortes seelische Erfahrung wird, ja noch mehr: die Sterne werden in ihrer geistigen Wirklichkeit neu geboren. Was wir im Tagesbewusstsein als Wort kennen, ist nur Maske, hinter der die eigentliche schöpferische Geistigkeit des Weltalls lebt. Eine Umstülpung hat stattgefunden: das Schicksal der Völker wurde einst von den „unbekannten Gestirnen“ beherrscht. Das kosmische Wort, das in den Lauten der Sprache stets noch mit empfunden wurde, ist an seiner Quelle neu zu entdecken, seiner geistigen Kraft kann der Mensch inne werden und so zum Mitschöpfer eines neuen geistigen Kosmos werden.

Die Nachtseite der Sprache

Was dem rationalen Verstand mit seiner Bindung an die physischen Sinnesdaten wenig einleuchtend erscheinen mag, kann vielleicht in der weihnachtlichen Seelenstimmung mit ihrer Bereitschaft zu gesteigerter Empfindsamkeit nicht mehr so befremdlich erscheinen. Die Geburt des Logos, wenn sie in der Seele mitvollzogen wird, macht hellhörig für eine neue Wahrnehmung der Wirklichkeit, die bisher nur als „Nacht“ wie eine unergründliche Tiefe „gähnte“. Die Nacht wird in den Gedichten von Nelly Sachs immer wieder beschworen als die eigentliche, geistig schöpferische Wirklichkeit („Klagemauer Nacht“, „Türen der Nacht“).

Dass das Wesen des Wortes etwas mit der Nacht zu tun hat, wird ein subtiler Seelenbeobachter bestätigen können. Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, dass die Schülerinnen und Schüler in der morgendlichen Rezitation meistens mit großer Ernsthaftigkeit dabei sind. Die Anbindung des Tagesbewusstseins an die innersten Erlebnisse der Seele wird empfunden. Allenfalls eine gewisse physische Trägheit, die ja jeder an sich beobachten kann, ist beim lauten Rezitieren zu überwinden. Eine Klasse, die dann von innen heraus einmal in Schwung gekommen ist, kann wirklich begeistern. Wird dies über Jahre aufgebaut, werden die Jugendlichen auch den merkwürdigsten Metaphern und ungewohntesten Zusammenhängen eine seelische Flexibilität und Offenheit entgegenbringen, die den routinierten, in seiner Vorstellungswelt oft festgefahrenen „Erwachsenen“ in Erstaunen versetzen kann. Diese Bereitschaft für das Neue, Ungewohnte, bisher nicht Vorgestellte, entbindet die imaginativen Kräfte in der Seele, die der Mensch zur Gestaltung einer neuen, sinnvollen Wirklichkeit benötigt.

Die Dichter des 20. Jahrhunderts haben in ihren Werken nicht nur Zeugnis abgelegt von der Erschütterung, die durch die Entgeistigung der Welt und den Zerfall gesellschaftlicher Werte und Bindungen im Innern des Menschen ausgelöst wurde, sie haben auch damit begonnen, mit ihrer Kunst die geistigen Qualitäten des Wortes (und der Welterscheinungen überhaupt) neu zu erschließen und so in neue Erfahrungsbereiche vorzudringen, die der profanisierenden Ratio nicht zugänglich sind. In der Bildetätigkeit, die an der Wahrhaftigkeit solcher künstlerischen Inspirationen geübt werden kann, entsteht eine ernstzunehmende Gegenkraft gegen die faszinierenden, das Bewusstsein aufsaugenden Bilderfluten der Medienwelt.

Das Wort als Weg und Wahrheit – Paul Celan

Herz
Paul Celan, gemeinfrei

Eine ganz andere Art der Annäherung an das Wesen des Wortes wird in dem folgenden Gedicht von Paul Celan unternommen. Im Unterschied zu dem obigen Appell an die Völker und der Annäherung vom Umkreis her, haben wir es hier mit einem ganz individuellen inneren Dialog des lyrischen Ich mit einem Du zu tun, wobei dessen Wesen allerdings offen und bewusst unbenannt bleibt.

WEGGEBEIZT vom
Strahlenwind deiner Sprache
das bunte Gerede des An-
erlebten – das hundert
züngige Mein-
gedicht, das Genicht.

Aus-
gewirbelt,
frei
der Weg durch den menschen-
gestaltigen Schnee,
den Büßerschnee, zu
den gastlichen
Gletscherstuben und -tischen.

Tief
in der Zeitenschrunde,
beim
Wabeneis
wartet, ein Atemkristall,
dein unumstößliches
Zeugnis.

Die sprachschöpferische Instanz, die hier angeredet wird, könnte der Sprechende selbst sein, vielleicht auch ein anderes Wesen, das sich mit dem Ich zu einer intuitiven Einheit verbindet: der Sprachgeist, der Schöpfergott? Die untrennbare Einheit des Ich mit einem Du, das zugleich göttlich-geistige Merkmale aufweist, wie es bei Celan öfters zu finden ist, könnte als blasphemisch missverstanden werden. Vielmehr aber ist es Ausdruck moderner Bewusstseinsverfassung, in anthroposophischer Terminologie der „Bewusstseinsseele“, die sich des Göttlichen nur im eigenen geistigen Vollzug zu vergewissern vermag. Von Anfang an ist hier eine starke geistige Kraft angesprochen, die in der Sprache wirkt und die bloß subjektiven, selbstbezogenen Schöpfungen als „Genicht“ hinwegfegt – womit die Konzentration auf das Überpersönlich-Wesentliche vollzogen wird. Alles Belanglose alltäglicher Wortbedeutung und alles Zufällig-Emotionale wird zurückgelassen.

Dies führt allerdings in die Einsamkeit eisiger Höhen. Wo die Niederungen geselliger Redseligkeit verlassen werden, ist der Weg zwar frei geworden, aber die Landschaft ist zunächst kalt und für die Seele unwirtlich. Büßerschnee gilt Bergsteigern als schwer überwindliches Hindernis. Auffallend ist, wie konsequent von der zweiten Strophe an der metaphorische Gebrauch bestimmter Fachausdrücke aus dem Gebiet der Gebirgs- und Gletschergeographie durchgetragen wird. So entsteht der Eindruck einer Landschaft, die sich mit ihren gegenständlichen Erscheinungen in den Vordergrund stellt und zugleich über sich hinaus weist, die man regelrecht aus dem Wege räumen, überwinden muss, um zu der tieferliegenden seelisch-geistigen „Landschaft“ zu gelangen, die sie verdeckt. Dieser Weg durch die schneebedeckte Gletscherlandschaft ist einsam und beschwerlich, er mag als eine Art Buße, als Reinigung verstanden werden, die durchschritten wird. Hier ist jeder mit sich allein, die Menschen erscheinen unzugänglich wie Büßerschnee. Doch der Weg weist in eine Innenwelt, wo Begegnung und Gastlichkeit erfahren werden: zu den Gletscherstuben und -tischen.

Die Schönheit des Wortes

Allein, die Gletscherstuben sind nicht das letzte Ziel des Weges. Dieses wartet in tieferen Tiefen, jenseits des Zeitflusses: das unumstößliche Zeugnis, ein Atemkristall. In diesem Wort verbindet sich die Reinheit und Klarheit des Kristalls mit der beseelten Wärme des Atems. Es ist schön, aber im Unterschied zu den Gegenständen der Schneelandschaft ist es nicht vorstellbar. Was den Völkern geschenkt wurde, das göttliche Wort, kann nicht mehr nur hingenommen oder erinnert werden. Schon lange ist diese geistige Kraft erschöpft, die Worte zeugen nicht mehr ungefragt von ihrem kosmischen Ursprung. Aber das Wort wartet darauf, dass der Mensch es im Innersten neu zu geistigem Leben erweckt, indem er es aus der alltäglichen Achtlosigkeit und Nichtigkeit erlöst und in der inneren Vergegenwärtigung sein Ewigkeitswesen freilegt: das unumstößliche Zeugnis.

In dieser Vergegenwärtigung, im Erleben des reinen Wortes in der Seele, erfahren wir das Schöne, das unvorstellbar Schöne. Wirklich schön ist nur, was innere Wahrhaftigkeit besitzt. Das bunte Gerede des Anerlebten ist hässlich, weil es nicht von der Wahrheit zeugt. Die Schönheit des Atemkristalls fällt uns nicht zu wie das Anerlebte, sie muss gesucht und entdeckt werden – wenngleich sie wartet und der Weg frei ist. Wer sie erfahren will, muss aber zu einer Bergtour bereit sein. Wie die moderne Bildende Kunst nicht im Vorbeigehen, die moderne Musik, die den Namen Kunst verdient, nicht im bloßen Anhören erlebbar ist, so wenig wird moderne Dichtung beim bloßen Durchlesen erlebt. Wir benötigen die Liebe, um das Schöne wahrzunehmen.

Wir müssen einsehen lernen, dass Worte heute zunächst nur Hindeutungen sind, Hinweise auf eine geistige Wirklichkeit, die in innerer Aktivität erst wieder zum Erleben gebracht werden muss. Nehmen wir die Worte nicht einfach in ihrer alltäglichen leeren Funktionalität oder als Abbilder der Dinge, sondern versuchen wir uns durch vertieftes künstlerisches Verständnis die Kräfte der unbekannten Gestirne wieder zum Erleben zu bringen, auf die unsere Sprache nur hindeuten kann, dann erfüllen wir die Sprache mit neuem Sinn, dann sprechen wir bewusst das Geistige des Wortes mit aus. Moderne Dichtung kann uns hierbei zum Lehrmeister werden, denn sie kann uns die geheimen nächtlichen Pfade erhellen, die zum Urquell des Wortes führen. Denn Dichter sind Wortverliebte.

Herz
Gletschertisch, gemeinfrei